B wie Bunzlauer – meine 4. Zimmerreise 01/2021

Die Idee für meine 4. Zimmerreise kam mir schon, als ich das Art déco-Schnapsglas als Gegenstand für Zimmerreise Nr. 3 wählte:  zugleich winkte mir nämlich das kleine braun auf hellem Grund „geschwämmelte“ Milchkännchen mit den blau-weiss gewürfelten Bordüren:  B wie Bunzlauer!

Den Milchgiesser und ein kinderspielzeugkleines Deckelkännchen, beide aus der Vitrine vom Wohnzimmerschrank, habe ich mit zwei weiteren Stücken im typischen Braun zum Gruppenfoto zusammengestellt, denn die braun- und cremefarben gemusterten Kaffee- und Teekannen haben ihren Platz in der Küche.

2021-01-23 LüchowSss Gruppenbild mit Bunzlauer Kannen + Kännchen (7)

Bunzlauer Keramik nennt man keramische Erzeugnisse aus der niederschlesischen Stadt Bunzlau, heute polnisch Bolesławiec, und ihrer Umgebung. Früher standen Bunzlauer Kaffeekannen und ihnen ähnliche, wie man weiter unten noch sehen wird, auf den Herden der Grosseltern- und Urgrosselterngenerationen. 
Auch meine Oma besass eine Alltags-„Bunzelkanne“, konisch geformt mit Spritzdekor für 2-3 Tassen. Über die Küche kam die kleine Kanne nicht heraus, im Wohnzimmer kam nur Porzellan auf den Tisch. Später ging mir die kleine, innen von der Hitze craquelierte Kaffeekanne mit der heimeligen Ausstrahlung bei einem Umzug verloren.
Inzwischen habe ich auf Flohmärkten gleich mehrfach Ersatz gefunden, z.B. auch das oben erwähnte, vom Alter unscheinbar gewordene, über hundert Jahre alte Milchkännchen vom nächsten Bilderpaar:

2021-01-23 LüchowSss Bunzlauer Milchkännchen, geschwämmelt + geriffelter Boden (1x2)

„Geschwämmelt“ nennt sich die Technik, mit der Muster durch speziell zurechtgeschnittene Schwämme aufgetupft werden, wie bei meinem kleinen Kännchen im typischen, rötlichen Braun auf den cremefarbenen Grund. Unterbrochen wird das braune Muster von zwei umlaufenden Bändern aus abwechselnd weissen und blauen Vierecken, offensichtlich von Hand aufgebracht. Der leicht schiefe, alte Sahnegiesser besteht aus hell-ockergelblichem Steingut, wie am Boden sichtbar und an den Rändern, wo der Zahn der Zeit die Glasur abgeknabbert hat. Im Ringel-Relief unter dem Boden wurde die arabische Ziffer 2 eingeprägt, eine Grössenbezeichnung, wahrscheinlich.
Das nächste Foto-Doppel zeigt das kleine Deckelkännchen, das ebenfalls einen Platz in der Wohnzimmer-Vitrine innehat, denn es ist nicht nur ungewöhnlich klein, sondern auch auf besondere Weise zu mir gekommen:

2021-01-23 LüchowSss kl. Bunzlauer Kännchen m. Spritzdekor + Wabenboden (1x2)

Bei dem kleinen, aufrecht-ovalen Kännchen weisen die Spitzen wie ein zweifaches V nach unten. Nur selten nehme ich es heraus, weil ca. 1/3 l Kräutertee unter dem Deckel schön ziehen kann, bevor ich ihn trinke. Die Buchstaben auf der Unterseite lassen sich kaum entziffern. Es mag sich oben um BU handeln, rechts daneben bleibt es ungewiss. Der Boden sieht aus, als könnte man es wie die Grossen als „feuerfest“ auch auf dem Herd warmhalten, aber bei der geringen Grösse wird es wahrscheinlicher zu einem Kinder- / Spielzeugservice gehört haben. 
Vor fast sechs Jahren habe ich das Kännchen bei einem Waldspaziergang neben einem Sammelsurium von Müll und weiterem Hausrat > im Wald gefunden, das war ein ganz spezielles Gefühl und macht es mir wertvoll.

2021-01-27 LüchowSss gr. Bunzlauer Kaffeekanne (mit Spritz-u. Blumendekor Rose) +gestempelter Unterseite (1x2)

Die verspielter geformte, bauchige Kaffeekanne (oben) hat mit ca. 2,5 l ein Fassungsvermögen für eine Grossfamilie und kommt deshalb nur selten zum Einsatz. Das Spritzdekor mit durch Wegritzen der Farbschichten nachbearbeitem Rosenmuster sprach mich an, die musste ich haben. Auf dem glasierten Boden gibt es eine aufgestempelte Marke der Feinsteinzeugfabrik Julius Paul & Sohn in Bunzlau. Die Firma existierte zwischen 1893-1945, die Bodenmarke entspricht den Jahren zwischen 1920 und ’45, das Dekor den 30er und 40er Jahren, als man bei den Spritzdekoren in Deutschland von den rein geometrischen Formen des Art déco abrückte. Neben der Stempelmarke gibt es die eingeprägte Nummer 200/5; im Web sah ich eine kleinere Kanne im selben Dekor mit 200/4.
Aus gutem Grund kommt die Teekanne zuletzt an die Reihe, die ich als erste meiner jetzigen „Bunzlauer“ auf dem Flohmarkt in Neusiedl am See kaufte. Das Spritzdekor ähnelt der verlorenen Kaffeekanne meiner Oma.

2021-01-27 LüchowSss WAKU Teekanne m- Spritzdekor 'Bunzlauer' -Stil + Unterseite (1x2)

Anders als bei dem „Kinderkännchen“ weisen hier braun schattierten Spitzen wie beim grossen A nach oben. Mit etwa 1,5 l Fassungsvermögen verwende ich die Kanne oft für Tee. Laut der im Wabenboden eingeprägten Buchstaben und Zahlen heisst der Hersteller WAKU, und ist die Kanne „feuerfest“. Das grosse P in der Mitte bleibt mir rätselhaft, die Ziffer 102 meint womöglich schon die Filtergrösse. Das aufgeteilte Wort „FOR EIGN“ (englisch foreign = fremd) weist auf Export hin, und fremd ist die doch so bunzlauer-ähnliche Kanne in dieser Reihe ohnehin, denn sie kommt aus dem „Kannenbäckerland“ im Westerwald! Dort entwickelte sich um 1930 die Firma WAKU aus der alteingesessenen Kannen- bzw. Krugbäckerei der Familie Fohr, die in dem Handwerk schon seit dem 18. Jh. tätig war und um 1900 grosse Mengen von vielfältigen Produkten für den Export herstellte. Na, sowas!

Bunzlauer Keramik war wegen der guten Hitzeeigenschaften und der sogar preisgekrönten, bleifreien Glasur, die es als „Gesundheitsgeschirr“ bekannt machten, sowie die markante Spritzdekor-Gestaltung so erfolgreich, dass sie von vielen heute noch bekannten Firmen nachgemacht wurden. Die echten Bunzlauer Betriebe hatten damals grosse Mühe mit der plagiierenden Konkurrenz, die sich nicht scheuten, ihre Produkte auch als „Bunzlauer“ zu verkaufen. So ist es gleich weniger erstaunlich, weshalb es so viele ähnliche braun- und cremefarben dekorierte Kaffee-, Tee- und Milchkannen gab und immer noch gibt, die als „Bunzlauer“ angesehen und angeboten werden. Es ist vergleichbar mit der grossen Beliebtheit vom „Indischblau“, dem „Zwiebelmuster“ und all den vielen kobaltblau- auf weiss bemalten Variationen beim Porzellan, ich hätte da zum Beispiel die „Strohblume“ aus Thüringen … aber das wäre schon wieder Stoff für eine spätere Zimmerreise in die persönliche Familengeschichte ebenso wie in die des entsprechenden Porzellans.

Mehr über Bunzlauer Keramik kann man als Appetizer bei > Bunzlauer Keramik | Wikipedia lesen, hat man es aber erstmal im Bewusstsein, wie oft es einem schon begegnet ist, lässt sich einiges mehr an Zeit damit verbringen.

18 Gedanken zu “B wie Bunzlauer – meine 4. Zimmerreise 01/2021

  1. Dein heutiger Beitrag bietet mir einmal ganz andere Informationen , als ich sie sonst von dir gewohnt bin . Im meinem Besitz befindet sich auch solch eine kleine braun- beige Kaffeekanne. Sie gehörte einem ehemaligen Arbeitskollegen, der darin seine Zeichenstifte aufbewahrt hat. Solange ich ihn kenne, stand diese kleine Kanne auf seinem Schreibtisch. Als er in den verdienten Ruhestand gegangen ist , hat er sie mir zum Abschied diese Kanne geschenkt. Sie trägt am Boden die gleichen Zeichnungen, wie sie auch auf deiner Kannen zu sehen sind . Am oberen Rand ist statt der Buchstaben ( BU ) bei meiner Kanne ein Kreuz . Es ist ein Kreuz, wie man es von einem Kartenspiel kennt.
    Vielen Dank für den schönen Beitrag und die Infos zu meinem Kaffeekännchen.

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  2. Ja die „Bunzeltippl“, wie man auf Schlesisch sagte. Mein Schwager ist da aufgewachsen, und wenn ich in den 90ern in Polen war, musste ich meiner Schwester immer was mitbringen, am besten von einem der Händler, die vor Bunzlau an der Landstraße ihre Geschäfte hatten oder haben. Ich steh nicht so drauf, wir haben nur eine Salatschüssel, die bald einen Sprung hatte – die Stassenhändler verkaufen halt auch minderwertiges Zeugs, aber schön billig – aber immer noch im Regal steht und gebraucht wird.

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    • Dein Kommentar passt gut zu der Geschichte der Nachahmer, aber auch, wie es mit der Töpferei der Region nach 1945 weiterging, als etliche sich anderswo niederliessen und in dem Stil fortfuhren. Gerade die fröhlichen Dekore verkaufen sich in egal welcher Qualität sicherlich gut. Sicher kann man bei kleinem Geld auch keine Wunder erwarten, auch wenn man sogar manchmal in solchen Fällen nur staunen kann. Dabei fallen mir meine spanischen Keramikteile ein, das rotbraune „Arme-Leute“-Tonzeug hält tapfer seit Jahrzehnten jeder Belastung stand.

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      • Die armen Leute brauchten halt was Robustes, die wohlhabenden haben die Küchenmädchen gedrillt, damit ja nichts an das gute Porzellan drankommt. Heutiges Küchenpersonal=Spülmaschine macht die Verwendung von hochwertigem Porzellan und Besteck wieder zum Problem. Aber das menschliche heutige Personal=ich auch – habe beim Handspülen erst kürzlich einen Teller und einen Bodum-Glaseinsatz zerdeppert

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        • Ach, wie gemein, wenn man nicht gleich das Ganze zerschmeisst und nun auch noch den Konflikt aushalten muss,ob man die nutzlos gewordene andere Hälfte hinterherwirft!
          Beim Handspülen zerbricht man Sachen, Spülmaschinen fressen Glasuren, Eisen und Holz und machen überhaupt leicht hässlich … irgendwas ist immer.

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  3. Ich bin ehrlich gesagt etwas irritiert, nicht von deiner tollen Geschichte, sondern daß das braune Geschirr Bunzlauer ist. Ich kenne nur diese blau-weiß-braunen Muster, die ich auch sehr gerne mag, aber daß es ursprünglich so braun daher kam, ist mir völlig neu. Bei den geometrischen Mustern wäre ich zuerst auch nicht auf so ein Alter gekommen, obwohl es mir bei näherer Betrachtung doch sehr passend vorkommt. Aber ohne den Hintergrund hätte ich bei der einen Kanne vielleicht an die 70er Jahre gedacht. Wie schön, daß das Gefäß von der doofen Müllhalde zu dir fand. Wofür sowas doch gut ist! Und schön auch, daß das Geschirr so viel Familiengeschichte mit sich bringt.

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  4. Erstaunlich was du alles über deine Tee- und Kaffeekannen weisst. Ich habe auch zuoberst im Schrank, einen Krug und eine Schüssel meiner Urgrossmutter. Ich sollte mal auf einen Stuhl steigen und sie runterholen. Stempel, Kennzeichen von bekannten Firmen werden sie kaum haben. Aber vielleicht wecken sie Erinnerungen.

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