Meine 3. Zimmerreise 01/2021 mit einigen A’s


Meine 3. Zimmerreise 01/2021 enthält A’s wie in „abends beleuchtet“, „Art déco“, „Aha!“ und „Arglosigkeit“ auch.

Auf der Suche nach passenden Gegenständen habe ich mich wieder in unserem Wohnzimmer umgesehen. Etwas mit A zu finden war meine Hoffnung, steht dort doch genug herum. Gegenüber des > Blumenstilllebens von Gottlieb Berghauer mit Mohn- und anderen bunten Sommerblumen hängt ein offenes, zweireihiges Regal mit Erinnerungsstücken oberhalb des TV-Bildschirms, so dass ich von meinem Platz auf dem Sofa die Gegenstände im Blick habe: eine rotglasierte Schale, vom Sohn in der Schule getöpfert, eine Deckeldose aus duftendem Zirbenholz, von einem Bekannten aus Tirol gedrechselt, eine rötlich-braune, quergerippte Wormser Terra-Sigillata-Vase aus den 50er Jahren vom Flohmarkt, weil sie einer dreimalgrösseren aus dem Besitz meiner Eltern genau gleicht; aber weder sie noch die dreizehn weiteren dort aufgereihten Dinge beginnen mit A, B oder C.

Im Wohnzimmerschrank gegenüber vom Esstisch stehen mir ebenfalls bedeutsame Glas-, Porzellan- und Steingutteile, auf gläsernen Borden hinter zwei Glastüren, abends beleuchtet. Bei der Anschaffung versuchte ich mir einzureden, dass die Möbelkombination – Schrank mit Vitrine links, Bücherregal in der Mitte und wieder Schrank mit Vitrine rechts – keineswegs wie eine Schrankwand aussähe, aber eingeräumt eben doch, nur ohne Barfach.
Nur widerwillig habe ich diese Kröte der Erkenntnis geschluckt. Staubwischen finde ich aber doofer und ich hänge an meinen Staubfängern. Die moderne Kargheit liegt mir nicht. Ich brauche beziehungsvolles Gedöns und ein Satz wie „Das passt nicht zu unserer Einrichtung“ käme nie über meine Lippen. So stammt ein Teil der abends beleuchteten Gegenstände aus dem Haushalt unserer Eltern oder Grosseltern, anderes habe ich von Flohmärkten angeschleppt, weil eine bestimmte Stimmung davon ausgeht, manchmal zu diffus, um es in Worte zu fassen.

2021-01-18 LüchowSss Art déco-Schnapsglas Auch bei dem dickwandigen, undefinierbar grünlichgelbbraunen Art déco-Gläschen aus der Zeit zwischen 1920 und ’30 verhält es sich so, einem einzelnen Schnapsglas. Jedoch verwende ich das vieleckige und oben viel breiter als unten gestaltete Gläschen selten, nur mal für eine abgebrochene Blüte, niemals zum Trinken, denn vielleicht besteht es aus Uranglas, wie zwischen 1830 und bis in die 1930er Jahre bei gelblichem und grünlichem Pressglas häufig der Fall.

‚Annagelb‘ und ‚Eleonorengrün‘ nannte etwa 1830 der nordböhmische Glashüttenbesitzer Franz Xaver Anton Riedel aus Gablonz an der Neisse (heute: Jablonec nad Nisou, Tschechien) seine im Biedermeier hochbegehrten Farbtöne nach seinen Töchtern, nachdem er gemeinsam mit seinem Neffen und späteren Nachfolger herausgefunden hatte, wie man nach Rezeptur des Entdeckers und Benenners des Urans, dem Chemiker Martin Heinrich Klaproth, mit dem Uranoxid Pechblende (Uraninit), in fein pulverisierter Form gelb und grüngetöntes Glas industriell in grossen Mengen herstellen konnte. 
Bald waren solche, auch unter Zusatz weiterer Schwermetalle in vielen Farbschattierungen gefärbte Gläser in Europa und Übersee nicht nur grosse Mode, sondern auch für jedermann erschwinglich zu kaufen.

Die Kenntnis von der Schädlichkeit der Radioaktivität setzte der Produktion von strahlenden Tafelgläsern und Tellern nur allmählich Grenzen, in den zwanziger und dreissiger Jahren des 20. Jh. waren diese noch Gang und Gäbe, für Ziergegenstände wie Gebrauchsgeschirr. Erst als ab den 40er Jahren militärische Interessen den Uranverbrauch für nichtmilitärische Zwecke zu unterbinden trachteten, gab es einen deutlichen Rückgang. Ab etwa den 60er Jahren wurde Uranglas zwar in geringerem Masse wieder produziert, mit mehr Bedacht, aber seitens der Verbraucher herrscht diesbezüglich immer noch Arglosigkeit, die meisten wissen nur, dass die Bleikristall-Weinkelche und Festtagschalen der Eltern und Grosseltern in Verruf kamen. Anderes Glas gilt immer noch als harmlos und sauber, auch Omis grüne Kristallvase , der Kuchenteller und die Desserschalen, wenn man sie noch hütet.

Man kann „verdächtige“ Glasgegenstände mit UV-Licht prüfen, sie leuchten bzw. strahlen dann fluoriszierend und Sammler gehen damit bewusst auf die Suche. Durch Misch-Rezepturen mit weiteren mineralischen Zusätzen, die das Licht blockieren, bleibt jedoch beim Test mit UV- bzw. Schwarzlicht der verräterische Leuchteffekt oft aus, dann müsste man schon einen Geigerzähler besitzen. Darum bin ich lieber vorsichtig mit meinem mischfarbenen Schnapsglas, nur für den Fall. Säurehaltige Lebensmittel wären nämlich in der Lage, strahlende Partikel aus Uranglas herauszulösen, wie ich auf einigen sehr interessanten Webseiten über das Thema gelernt habe.
Einen der schönsten und lohnendsten Weblinks, die ich dazu aufgestöbert habe, möchte ich euch nicht vorenthalten, die 12-seitige pdf-Datei > „Pressglas-Korrespondenz Nr. 02/2000“ von Siegmar Geiselberger aus dem Januar 2000 habe ich mir zum gemütlicheren Lesen sogar auf meinen eBook-Reader geladen.

20 Gedanken zu “Meine 3. Zimmerreise 01/2021 mit einigen A’s

  1. Ja, die Sprünge von der „Schrankwand“ zu den Vasen und Gläsern und anderen interessanten Fundstücken deines Zimmers zur Produktion von Uranglas sind dir sehr gut gelungen. Heute mutet es seltsam an, aus diesem Material Gebrauchsgegenstände herzustellen. Mir gefällt auch dein Sammelsurium an schönen Objekten und Erinnerungsstücken. Sie sind gerade schön, weil jedes Stück eine Geschichte zu erzählen hat! Was hat eine steril-aufgeräumte Einrichtung wohl zu erzählen? – Heute hätte ich vermutlich bedenken, mir sowas ins Zimmer zu stellen, falls es doch noch strahlt…

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    • Danke. Irgendwie geht mir das oft so, das Herumgucken und dann Hängenbleiben.
      Die Strahlung ist ein guter Grund, sich in das Thema etwas tiefer einzugraben. Es gibt auch eine Vielzahl alter Keramiken mit Uranglasuren, die du mit Sicherheit auch schon gesehen hast, oft geflammt und mit orangen Elementen, deshalb ist darüber viel Grundsätzliches zu finden. Einfach nur vom Trockenstehen soll demzufolge nichts Schlimmes zu erwarten sein.

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      • Gesehen habe ich sowas auch schon. Ich frage mich auch, ob es das mal bei irgendwem in der Familie gab, aber heute sicher nicht mehr. Ich muß das noch mal lesen bei Gelegenheit! Die Farben sind schon faszinierend.

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  2. Das ist ja interessant! Dass gefärbtes Glas uran- oder sonstwashaltig sein könnte, wusste ich nicht, dein Beitrag ist gut recherchiert. Man lernt nie aus!
    Worüber ich mir manchmal Gedanken mache, ist das Essgeschirr, das ich täglich nutze. Es stammt von meiner Großmutter und hat einen Kobalt-Rand. Aber ich esse ja nicht vom Rand, und bis jetzt erfreue ich mich körperlich bester Gesundheit. Toi toi toi! :-)

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  3. Wow, das war nicht nur interessant, sondern äußerst lehrreich!!! Wenn mich nichts täuscht, habe ich auch einen Teil Bleikristallgeschirr aus dem Haushalt der Großeltern geerbt, von deren Schädlichkeit – obwohl Tochter von Chemikereltern – habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.
    Übrigens ist auch mein Haushalt bunt zusammengewürfelt aus Erbstücken, Kleinanzeigenkäufen oder Selbstgebautem. Nur ein Teil des Bücherrehals stammt aus dem schwedischen Möbelladen – einfach weil dort zu kaufen erschreckenderweise noch günstiger war, als das Holz, Schrauben und Winkel zum Selberbauen zu erstehen…
    Liebe Grüße
    Ines

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