2. Zimmerreise 01/2021 mit Blumenstillleben

Die 2. Zimmerreise 01/2021 führt in unser Wohnzimmer. Zum Fotografieren hätte ich das Kissen wegräumen können, das Beistelltischchen rechts vom Sofa wegrücken und den Nähkasten meiner Mutter links aus dem Bild rollen, doch sie sind eben bequem, um Bücher, Handy, Laptop oder Fernbedienungen abzulegen oder was man sonst zur Hand haben möchte. Wir verzichten nämlich auf den obligatorischen Couchtisch in der Mitte.
Auch Bongo findet das gut (siehe Foto). Zwar befindet sich sein Korb in einer ruhigen Ecke , wo er sich zusammenrollt, wenn er Ruhe braucht, aber zum Chillen räkelt er sich lieber mitten auf dem Wollteppich vor dem Sofa. Das Foto ist schon zehn Jahre alt, und Bongo sogar zwölf, aber hat er „seine fünf Minuten“, sieht es noch genauso aus.
Nicht Couch, sondern Sofa heisst es übrigens, hat das Möbel eine hohe Rückenlehne, aber keine Liegevorrichtung. Wegen des C habe ich das nachgeschlagen, also habe ich nur das B zum Zimmerreisen.

2021-01-11 LüchowSss Wohnzimmer Gemälde v. Gottlieb Berghauer (bzw. Bohumil Horyna u. B. Hornìk) mit Bongo (1x4)

Das Blumenstilleben mit rotem Mohn und anderen, bunten Wildblumen über dem Sofas kaufte ich vor Jahren in Neusiedl am See im österreichischen Burgenland, auf dem Flohmarkt. Die Signatur konnte Bergbauer wie Berghauer bedeuten, der Anfangsbuchstabe des Vornamens mochte ein E, G, oder ein schiefes W darstellen.
Glücklicherweise wächst der Informationsschatz im Web stetig, und die an die Feuerzangenbowle erinnernde Frage: „Wer ist grosses E-Punkt?“ ist nun geklärt. Es handelt sich um ein altmodisch kurrrent geschriebenes G für Gottlieb, mit Nachnamen Berghauer.

Gottlieb (slawisch: Bohumil) Berghauer wurde am 23. Januar 1910 in Rossnitz bei Brünn in Südmähren geboren, damals Kronland des k.u.k. Österreich. Im heutigen Tschechien findet man es als Rosice bei Brno auf der Karte, zwischen 150-160 km ähnlich weit entfernt von Wien, Bratislava oder Neusiedl am See.
Der autodidaktische Künstler ist im deutschen Sprachraum nahezu unbekannt. Seine Gemälde und ihn findet man eher auf tschechischen Webseiten erwähnt, doch auch dort ist es kompliziert, denn er verwendete während seiner Schaffenszeit vier verschiedene Signaturen, manche gleichzeitig, was sich durch die historischen Besonderheiten seiner tschechischen Herkunft erklärt.
Als noch während der österreichischen k.u.k.-Zeit geboren und aufgewachsen, signierte der Maler auch nach der Gründung der unabhängigen Tschechoslowakei 1918 noch bis Ende der 30er Jahre als G(ottlieb) Berghauer mit dem deutschen G in Kurrentschrift, so wie auf meinem Bild, besonders bei deutschsprachigen Auftraggebern, sonst verwendete er das B. für Bohumil Berghauer. Da mein Blumenbild mit G. Berghauer signiert ist, müsste es folglich schon in den 30er Jahren gemalt worden sein.
Die weiteren Varianten ergaben sich durch politische Konflikte mit dem nationalsozialistischen, deutschen Besatzungsregimes in Österreich und Tschechien ab 1938. Weil es Gottlieb / Bohumil Berghauer offiziell verboten wurde, Bilder zu verkaufen, tat er dies unter Pseudonym, zeichnete tschechisch „Horyna Bohumil“, mit dem Familiennamen zuerst, oder „Bohumil Horyna“ nach deutschsprachigem Herkommen, aber auch immer wieder als „B. Horník“, denn „horníci“ bezeichnet den Beruf des Berghauers auf Tschechisch.
Ab 1947 nannte sich der Künstler offiziell Bohumil Horyna, oder umgekehrt, und lebte und arbeitete bis zu seinem Tod in Bosonohy bei Brno als Maler von Landschaften, Porträts, Folkloremotiven, Akten und auch (Buch-)Illustrationen. Bohumil Berghauer / Bohumil Horyna starb 1972 in Bosonohy bei Brno, damals Tschechoslowakei.

Ein Schatz von eindrucksvollem „Nennwert“ hängt nicht über unserem Sofa. Auch in Tschechien, wo der Künstler bekannter ist, sind die Preise für seine Bilder bescheiden. Aber seine Identität und Herkunft benennen zu können, zumal aus dem Hügelland, durch das wir früher mehrmals jährlich zwischen Neusiedler See und Norddeutschland hin- und herfuhren, bedeutet mir mehr als nur der hübsche Anblick der Blumen. Die Fahrten wurden in den letzten Jahren seltener. Pandemiebedingt fahren wir momentan nirgendwohin, aber über das Bild durch dessen Historie und durch Erinnerungen streifen zu können, das freut mich.

50 Gedanken zu “2. Zimmerreise 01/2021 mit Blumenstillleben

  1. Danke, eine wunderbare Geschichte! In Neusiedl waren wir übrigens voe Jahrzehnten und besuchten die Dichterin, Seelenverwandte und Freundin Frau Agnes Fischer, die dort aufgewachsen, später aber nach Wien gezogen ist. Seitdem sie in ein Altenheim kam, habe ich den Kontakt verloren, leider. Im Neusiedler See ging ich barfuß im flachen Wasser. Dort besuchten wir auch ein Museum und manches Sehenswerte.Und wir gingen über die offene Grenze nach Tschechien ein kleines Stück zu Fuß. In Wien gehörte Frau Agnes Fischer zum Dichterkreis um Frau Prof. Jonas-Lichtenwallner. Sie ist vor Jahrzehnten verstorben.

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  2. Ich finde der Strauß paßt wunderbar zu dir und deinem Garten. So typische Feld- und Wiesenblumen. Das du so drangeblieben bist an dieser Signatur ist bewundernswert und die Geschichte, zu der sie geführt hat, ist spannend. Wann geht man solchen Infos schon so sehr auf den Grund. Meist gibt man beim Entziffern des Namens schon auf. Das dieser Künstler dann auch noch so viele Pseudonyme hatte! Bohumil finde ich irgendwie cool :-) Bongo auch :-)

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  3. Was für ein lebendiges Blumenbild, die Farben springen mich an und ich verstehe, dass du das Bild haben wolltest!
    Die Geschichte dazu ist ja spannend. Es klingt wie aus einer Folge von „Kunst und Krempel“, was ich immer gerne sehe. Ein Objekt ist mehr als das, was man sieht, das hat deine Zimmerreise deutlich gemacht.
    Den Unterschied zwischen Couch und Sofa kannte ich nicht, danke für die Erläuterung! Nun weiß ich, dass ich jeden Abend auf einem Sofa sitze, und nicht auf einer Couch.
    Toller Beitrag! :-)

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    • Dem stimme ich absolut zu, dass ein Gegenstand mehr zu bieten hat als nur seine sichtbare Oberfläche.
      Bei solchen Gelegenheiten wie den Zimmerreisen oder in früheren Blogzeiten die „Shelfies“ oder die „7 Dinge auf meinem Nachttisch“ und was es noch alles in Stöckchenform gab, kam das ähnlich zutage.

      „Kunst und Krempel“ sehe ich auch gern an, vom Sofa aus, „Lieb und Teuer“ als norddeutsche Variante auch.
      Bei den ramschigeren, händlerlastigen Varianten wie die „Superhändler“ oder „Bares für Rares“ sind mir nur die Objekte mitsamt den Expertisen sympathisch, das Händlerverhalten finde ich meistens abstossend.
      Dankeschön, Anhora!

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      • Ich habe Bares für Rares einmal gesehen und nie wieder. Grauenhafte Sendung, da geht es nur um Geld und Gewinnen, nicht um die Gegenstände. Die liebevolle Beschäftigung mit Objekten, die Teil einer Zeit oder eines Lebens waren, ist so viel bereichernder. Der materielle Wert hat damit nichts zu tun. Wissen und Erinnerungen kann man nicht kaufen. :-)
        Die „Shelfies“ hab ich nicht mitgekriegt, aber bei den Zimmerreisen bleibe ich dabei.
        Bin immer noch auf der Suche nach A- oder C-Objekten in meinem Wohnzimmer. Ich habe soviel weggegeben, dass es recht überschaubar ist hier. Aber ich werd schon noch etwas finden! :-)

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