Anhänger am Chiemgauer Bauernschränkchen – Zimmerreise 01/2021

Für die erste Zimmerreise 01/2021 stehen die Buchstaben A, B und C an, und nachdem ich erst planlos in der Wohnung umhergeirrt bin und zwischendurch am PC ein Auge auf die neu einlaufenden Kommentare und gemeldeten Zimmerreisen der anderen hatte – vielen Dank bis hierher! – stiess ich beim Aufblicken vom Monitor beinahe mit der Nase auf meine Gegenstände mit A, B und C: A wie Anhänger , B wie Bauernschrank und sogar das C geht sich aus, denn bei dem Fichtenholz-Hängemöbel handelt es sich um einen Chiemgauer Bauernschränkchen.
Mit seinen luftigen Gittern zu beiden Seiten der kleinen, verschliessbaren Tür wäre das vom Alter honigfarben getönte Hängeschränkchen zur Lagerung von Eiern gut geeignet, hinge es, wie früher einmal, in einer Küche und nicht auf einer etwas zu wilden, schwarzweiss gemusterten Tapete über meinem Schreibtisch und Computer-Arbeitsplatz.

2021-01-08 Zimmerreise 01-2021-01 ABC Anhänger am Chiemgauer Bauern-Hängeschrank(1x3)

Am Chiemsee gekauft, begleitet uns das kleine Möbel schon seit Jahrzehnten. Zuerst hatte es, mit Tee in Schachteln, Dosen und Tüten gefüllt, einen Platz an der Wand einer Altbauküche in München-Schwabing, so eine mit Speisekammer, Gasherd und Küchenbalkon, dann zog das Schränkchen mit an den Neusiedler See, hing dort neben dem Esstisch und beherbergte meine bunte Sammlung von Keramik-Trinkbechern griffbereit, denn ich gehöre zu den seltsamen Leuten, die ihren Wein besonders gern aus Keramik trinken, statt aus hochstieligen Gläsern.
Beim Umzug nach Norddeutschland trennten wir uns von den meisten Möbeln. Dieses letzte alpine Landhausstückchen kam als eines der wenigen Lieblinge in den proppenvollen Umzugslastzug nach Norden.

Seitdem hütet es alle möglichen kleinen Schätze, die nicht vitrinentauglich sind, zum Beispiel Stoffreste von einem Lieblingskleidchen meiner Kindheit, mit einem dunklen Rosenmuster, das so lange immer wieder ausgelassen und angepasst wurde, bis es nur noch gelang, den Rock zum Beutel für die schwarzen Gymnastikschläppchen meiner ersten Schuljahre umzunähen. Meine Mutter war darin unfassbar geduldig. Alte, von meinen Eltern oder mir handschriftlich eingetragene Adressbücher stehen auf einem der Regalbrettchen hinter der Tür; sie haben mehr Erinnerungswert als Nutzen, denn viele der Anschriften sind verfallen, Personen verstorben.

Das Fassungsvermögen des kleinen Schränkchens ist erstaunlich, es gibt darin noch weitere gefühlsbehaftete Dinge, aber ich erzähle lieber von meiner Gewohnheit, alle möglichen Kleinigkeiten an den Schlüssel zu hängen, der in dem kleinen Türschloss steckt: Irgendwie finden sich immer Anhänger, mit denen Geschenke geschmückt waren, wie die hellgelbe Blume aus Blech oder das Kärtchen mit einer Adresse, das ich diskret nur ansatzweise fotografiert habe. Weiter herunter baumelt ein Anhänger aus rotem, gebranntem Ton an einem Lederband. Auf beiden Seiten ist eine sogenannte Triskele eingeprägt, ein dreischenkeliges, um einen Punkt in der Mitte angeordnetes Ornament. Auf die unglasierte rote Scheibe kann man Duftöl träufeln – das waren die 90er Jahre! Ich mag seinen Ethno-Charme immernoch und mit der Zeit hat es einen sanften Glanz bekommen. Das Duftgemisch darauf erinnert an alte Schubladen.

Eigentlich passt das natur-pure Obendrüber gar nicht so recht zu der ganzen schwarzen Computertechnik darunter. So war es nicht geplant, daher ja die wilde Tapete. Aber dann gefiel mir nicht, den Raum über dem Monitor leer zu sehen, probehalber ein Bild darüber auch nicht besser. Es musste das kleine Hängeschränkchen sein, und mit den Dingen darin und daran baumelnd tut es mir an dieser Stelle gut, denn ich bin kein wirklich verwurzelter, heimatverbundener Mensch; das kann ein Kind von Eltern, Grosseltern und noch weiter zurück immer aus verschiedensten Regionen zusammengefundenen Generationen wohl auch kaum sein. Aber etwas, das einen wie eine kleine Schatzkiste begleitet, das ist …
Wie bitte? Nein, es muss nicht unbedingt intelligentes Birnbaumholz sein wie bei Terry Pratchetts Truhe, wenn man bereit ist, das Möbel selbst zu tragen. Schon wieder ein Wort mit B, erstaunlich. Dies sind insgesamt 600 Wörter: Fini!

27 Gedanken zu “Anhänger am Chiemgauer Bauernschränkchen – Zimmerreise 01/2021

  1. Sehr schön wie du gleich von A nach C kommst und wovon das weitgereiste Hängeschränkchen erzählt. Sehr sympathisch finde ich auch das Stoffstückchen vom Kleid. Sowas kann ich auch sammeln, so kleine „Erinnerungsfetzen“ :-) Sie sind wie Lesezeichen der eigenen Geschichte oder? Mir gefallen die Gegensätze bei dir, die sich dann doch geschickt zu einem Ganzen fügen.

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    • Vielen Dank! Das nicht alles optisch passen muss, um einen selbst froh zu machen, ist eine Erkentnis, zu der man in den von durchgestylten Wohnvorstellungen geprägten Zeiten erstmal reifen muss.
      Meine ersten Jahre als Jungerwachsene verbrachte ich zwar aus Geldmangel mit „Jaffa-Möbeln“ und Matratze am Boden, ohne mich zu genieren, aber später erreicht man doch Phasen, in denen man die Wahl hat, welche Prioritäten man setzten will, weil man es kann.
      Die schwersten Entscheidungen fallen bei Umzügen und bei der Auflösung des elterlichen Hausstands, denn sie fordern emotional am meisten.

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  2. Du nennst hier gleich mehreres, dass mir als Zugvogelfrau sehr ähnlich geht, vor allem die kleinen Dinge, die dann eben doch immer mit gewandert sind und Erinnerungen tragen, so auch „unnütze“ Adressbücher. An die ewig umgeaenderten Kleidungsstücke, allerdings habe ich kein Stofffetzchen mehr davon und die Gedanken was Zugvögel von Sesshaften unterscheidet.
    Herzliche Grüße
    Ulli

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  3. Ach, wie schön zu lesen, daß Andere auch ein Behüterle fragiler Erinnerungen haben – bei mir gibt es eine „Früherkiste“ mit dem Häschenschlafanzug, dem Geheimniskarton und anderen unwegwerfbaren Erinnerungen ans Kindsein. Ich öffne sie nur sehr, sehr selten. Aber weg kann sie nicht!!!!! :-)

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  4. Spannend zu lesen und schon wieder mehr über Dich erfahren.
    Solche Kleinode wie das Schränkchen zu hüten und auch an einer Wand unterzubringen, deren Tapete für ganz andere Dinge taugen sollten, zeigt vom Bedürfnis nach Heimmat, nach Erdung, nach tief Vertrautem.

    Auch ich gehöre zu den seltsamen Leuten, die ihren Wein besonders gern aus Keramik trinken,
    Zumindest trinken meine Frau und ich Bier aus Pep-Keramikbechern. Pep ist ein Französe, den ich in Diessen kennengelernt hatte.

    Meine Frau wollte einst ein kleines uraltes Tischchen (eine Art Anrichte), ihrer Oma wegwerfen. Ich habe das gerettet, jetzt liegt Werkzeug drauf und das adelt es irgendwie, denn es passen einige wichtige Dinge drauf, die ich gelegentlich in Hof und Garten brauche.

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  5. Eine echte Schatztruhe, Dein Schränkchen! Ich siedele meine Kindheits- und Jugendschätze schon immer bei jedem Umzug zwischen verschiedenen Kommodenschubladen, Nachtschränkchen und Dosen um, leider hatten sie nie ein so konstantes und schönes Zuhause. Aber das mit dem rosengemusterten Kinderkleid und dem aufbewahrten Stoffrest davon könnte von mir sein. Ich hatte einen solchen Rock, den ich als Kind heiß und innig liebte, auch mit Rosen auf dunklem Hintergrund. Den hatte meine Oma genäht – ich hatte tausende von Röckchen und anderen Kleidungsstücken aus ihrer Produktion, sie war Schneiderin von Beruf. Leider habe ich keine Reste mehr von ihren Werken.

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    • Schön, wie deine Erinnerungen an die Röckchen aus den Händen deiner Oma zu meinen passen. Ich hatte bis in die Grundschulzeit fast nur selbstgenähte Röcke und Kleidchen, entweder von meiner Mutter genäht, oder von meiner Patentante, die als Schneiderin auch ein paar Tricks mehr drauf hatte, Reserven zum Mitwachsen einzunähen und später auszulassen oder Teile umzuwandeln, so dass sie immernoch hübsch waren.

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