4. Kutná Hora – die „Knochenkirche“ von Sedlec

Im Jahre 1142 kamen Zisterzienser-Mönche aus dem Mutterkloster Waldsassen in der Oberpfalz zur Gründung des ersten Klosters ihres Ordens in Böhmen im damaligen Wald- und Sumpfgebiet östlich von Prag. Laut Überlieferung entdeckten im 12. Jh. einige der Mönche von Sedlec die dortigen Silbervorkommen bei der Anlage eines Weinbergs, Grund für eine Ansiedlung von deutschen Bergleuten und damit die Entstehung der Silberstadt Kutná Hora bzw. Kuttenberg; Sedlec ist sozusagen dessen Keimzelle. Dort suchten wir uns einen Parkplatz in der Nähe unseres Ziels und die ersten drei Bilder entstanden zu Fuss in der Strasse namens Zámecká. Auf dem ersten Bild sieht man im Hintergrund die Kathedrale Mariä Himmelfahrt, die um 1700 anstelle der früheren, im 15. Jh. zerstörten Klosterkirche errichtet wurde – sie ist aber nicht die oben erwähnte „Knochenkirche“, man muss nur wegen der Eintrittstickets bis dort hinten hin laufen. Dabei kommt man vorbei an dem hübschen Haus im Jugendstil von 1904 von Bild 2 und an der Pestsäule mit dem Hl. Johann Neopmuk als Hauptfigur, im 18. Jh. geschaffen vom Bildhauer Mathias Wenzel Jäckel, gleich neben der seitlichen Friedhofspforte, auf Bild 3.

Um diesen Friedhof bzw. das Untergeschoss der Allerheiligenkapelle geht es den meisten Besuchern von Sedlec. Einer Legende zufolge brachte ein Abt des Klosters im 13. Jh. von der Kreuzigungsstätte zu Jerusalem eine Handvoll Erde mit und verstreute sie auf dem Friedhof, wodurch dieses Areal zu heiligem Boden wurde. So wurde der Friedhof von Sedlec zu einem der begehrtesten Bestattungsorte Mitteleuropas. Menschen aus der Umgebung, Böhmen, Polen, Bayern und den Niederlanden wollten dort bestattet werden. Durch die Pest-Epedemien des 14. Jhs. und die Hussitenkriege des 15. Jhs. kamen Massengräber hinzu, und der Friedhof dehnte sich bis zu 3,5 Hektar aus.
Ab dem Ende des 15. Jhs. wurde die Fläche wieder verkleinert und die exhumierten Reste von etwa 60.000 Verstorbenen im Beinhaus der damaligen Allerheiligenkapelle aus dem 14. Jh. deponiert.

Weil im Laufe der Jahrhunderte sich manche Wände neigten, wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts Eingangsbereich und Kapellenraum des zweistöckigen Baus durch Johann Blasius Santini-Aichl in „barocker Gotik“ umgestaltet. Doch erst nachdem die Fürstenfamilie Schwarzenberg das Kirchengebäude kaufte und 1870 den Holzschnitzer František Rint mit der Innenausstattung beauftrage, entstand, was als „Knochenkirche von Sedlec“, Kostnice Sedlec oder auch das Sedletz-Ossarium bekannt wurde und jährlich um die zweihunderttausend Besucher anzieht: von den vielen Gebeinen wurden etwa zehntausend kunstvoll zu einer Memento mori-Gestaltung der besonderen Art verwendet, die dem blinzelnden Auge einer diffizilen, gotischen Steinmetzarbeit oder Schnitzerei ähnelt.

Ich hatte zuvor schon gelesen, dass sich manche Besucher dort allzu witzig benahmen. Andererseits sah ich vielen trotz des touristischen Andrangs eine Art achtungsvolle Stille und überwältigte Befangenheit beim Betrachten der knöchernen Kunstwerke an. Dank der überwiegenden Handyfotografie wurde immerhin ohne Blitz geknipst.
Irgendwer löste durch Berühren einen Alarmton aus. Unachtsamkeit oder Respektlosigkeit – Selfies werden wegen allzu vieler Vorfälle ab 2020 in der Knochenkirche verboten sein. Immerhin kommen die Einnahmen der Eintrittsgelder dem Erhalt zugute. – Fotos vom Vormittag und Mittag 13. Oktober 2019, in Sedlec, Kutná Hora, Tschechien.

12 Gedanken zu “4. Kutná Hora – die „Knochenkirche“ von Sedlec

  1. Das Beinhaus ist sehr faszinierend. Engel umgeben von Knochen und Totenköpfen habe ich so noch nicht gesehen, wenn dieser Ort nicht dazu anregt über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken, dann weiss ich es auch nicht!
    Ich danke dir für deinen ausführlichen Reisebericht und deinem Musiktipp, dem ich noch lausche … passt wunderbar zu der Nebelstimmung vor dem Fenster.
    Herzlichst, Ulli

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