3. Kutná Hora: Über die Barborská zum Steinernen Brunnen

Über Kutná Hora (deutsch: Kuttenberg) in Mittelböhmen habe ich > im Beitrag zuvor schon Grundsätzliches geschrieben, bevor es mit 13 Fotos zunächst um die aussergewöhnliche St. Barbara-Kathedrale bzw. den Dom der heiligen Barbara, tschechisch: Chrám svaté Barbory ging. Aber die Kathedrale hat ja auch eine Umgebung:

Auf dem ersten Foto der Dreiergalerie oben blickt man über eine Grünfläche zum ehemaligen Jesuitenkolleg aus der Barockzeit, das heute die Kunstgalerie der Region Mittelböhmen beherbergt, genannt GASK = Galerie Středočeského kraje. Nach dem Umrunden der St. Barbara-Kathedrale findet man sich auf der anderen Seite des langgestreckten Gebäudekomplexes wieder, dazu später mehr. – Die Fotoschwelgerei in Details der gotischen Architektur hatte ich schon gezeigt, aber die beinahe unbeachteten Seitenblicke noch nicht:

Bild 4 zeigt ein zauberhaft ländliches Haus in der südlichen Nachbarschaft des Doms, Bild 5 das grosse, runde, aus einer Felswand herausgearbeitete Relief-Porträt des Dichters Jaroslav Vrchlicky (1853-1912), das sich etwas unterhalb der Dom-Apsis zwischen Bäumen halb verborgen trotz seiner Grösse nur unauffällig in die Aufmerksamkeit hineinschleicht. Eigentlich hiess der tschechische Dichter und Übersetzer, ein Schüler Victor Hugos ausserdem, mit bürgerlichem Namen Emilius Jakob Frida, und er war Professor für Europäische Literatur an der Karls-Universität Prag. Seinen Namen kannte ich zuvor nicht, aber der tschechische, googleübersetzte > Wikipedia-Artikel hilft.

Bild 6 entstand ungefähr vom gleichen Standpunkt, von dem ich mir das steinerne Vrchlický-Porträt näher herangezoomt habe. Es zeigt den Blick nach Norden über Weingärten und die Altstadt von Kutná Hora: die älteste Kirche der Stadt, die St.-Jakobskirche Kostel sv. Jakuba mit Baubeginn 1330, rechts aufragend und den Verlauf der Barborská-Promenade am Jesuitenkolleg entlang auf der linken Bildseite. Das Kolleg selbst wurde von 1667 bis 1750 nach Plänen des Architekten Giovanni Domenico Orsini erbaut. Über den im Volksmund auch „na mostě = Auf der Brücke“ genannten, skulpturengesäumten Abschnitt der Barborská ulice spazierten wir anschliessend:

Die meisten der 13 Skulpturengruppen stammen aus den Jahren 1707 bis 1716: Heiligenbilder, Steinurnen mit Blumenornamenten und, an der Seite des Hl. Wenzel, zwei Engel. Elf der Heiligenskulpturen und alle Vasen werden dem Bildhauer, Schnitzer, Baumeister und Jesuiten Franz Baugut (1668 – 1725) zugeschrieben, der sich ab 1709 einige Jahre in Kuttenberg aufhielt. Die Persönlichkeiten stehen in Verbindung mit dem Jesuitenorden, der katholischen Kirche, den Böhmischen Ländern und der Region. Die Figuren bestanden früher, wie die Mauer, alle aus Muschelkalksandstein. Bei der vollständige Restaurierung des Denkmals in den Jahren 2005 und 2006 wurden, wo nach früheren Beschädigungen bzw. mangelhaften Versuchen keine Widerherstellung möglich war, einige der Originale aus Hořice- Sandstein kopiert und ersetzt. Der zweite Abschnitt der Barborská führt am Ende des Jesuitenkollegs leicht abwärts, am Hrádek = „Schlösschen“ vorbei in die „weltliche“ Altstadt hinunter:

Im Hrádek befindet sich heute das Böhmische Silbermuseum, aber seinen Namen verdankt es seinem Ursprung als Burg auf der Terrasse über dem Tal des Flusses Vrchlice am südwestlichen Stadtrand: zum Schutz der durch den Silberabbau aufstrebenden Bergbausiedlung wurde sie errichtet. Nach den Hussitenkriegen wurde die Burg im 15. Jh. vom neuen Besitzer, dem Erz- und Kupferhändler und Besitzer der Bergwerke, Jan Smíšek von Vrchoviště, zu einem gotischen Patrizierschlösschen umgebaut. Im 17. Jh. wurde der Bau an den Jesuitenorden verkauft, später hatten verschiedene Schulen darin einen Sitz. Einige der alten Häusern bergen trotz des barocken oder klassizistischen Äusseren einen gotischen Kern, und darunter jahrhundertealte Schächte, sei es direkt vom Bergbau oder für die Entwässerung. Á propos Wasser: der spätgotische Steinerne Brunnen Kamenná kašna steht nicht an der Barborská, sondern an deren Ende links abgebogen und ein paar Hundert Meter weiter, auf dem Rejsek-Platz bzw. Rejskově náměstí:

Der Steinerne Brunnen wurde früher einem der Architekten der St. Barbara-Kathedrale zugeschrieben, Matthias Rejsek, nach dem der Platz auch seinen Namen trägt; inzwischen wird es jedoch für wahrscheinlicher gehalten, dass der Entwurf vom Baumeister Briccius Gauske aus Görlitz stammen soll, von Jan Smíšek aus Vrchovišť, dem damaligen Besitzer vom Hrádek, finanziert und in den Jahren 1493-1495 erbaut wurde. Der Fortschritt war gross, denn im Mittelalter wurde das Wasser über eine mehrere Kilometer lange Holzleitung in die Stadt gebracht. Früher soll der Brunnen überdacht und mit Figuren geschmückt gewesen sein. Bis 1890 diente er als Trinkwasserversorgung.

Vieles ist uns entgangen, weil uns die Weiterfahrt nach Ungarn im Nacken sass und wir vorher noch die „Knochenkirche“ von Sedlec besuchen wollten. So blieb es bei einem oberflächlichen Eindrückesammeln beim Durchwandern von wenigstens einem Teil der kleinen Innenstadt. Die Fotos sind vom Vormittag des 13. Oktober 2019 in Kutná Hora, Mittelböhmen, Tschechien – zum Vergrössern bitte die kleinen Bilder in den Galerien anklicken

14 Gedanken zu “3. Kutná Hora: Über die Barborská zum Steinernen Brunnen

  1. Vielen Dank, das sind herrliche Orte und Beschreibungen! Dieses Kopfsteinpflastergässchen gefällt mir am besten…Ungarn sitzt im Nacken, Knochenkirche: bin gespannt!
    Gruß von Sonja

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  2. kuckuck. ich bin auch wieder da. :-) wenn ich das lese und sehe, denke ich: ich muss mal wieder nach prag reisen. dieses Hrádek sagt mir irgendwas, ich weiß nur nicht was. irgendwas war da. kann sein, dass ich bei klaus wagenbach darüber gelesen habe, meine ich. als er auf den spuren von kafka unterwegs war. gab es dort irgendwas, das mit kafka zu tun hatte? lebte dort sein großvater, kann das sein? ich glaube, ich muss das noch mal nachlesen.

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    • Fein, dass du wieder gut aus den Augen gucken kannst. Einen Zusammenhang von Kafka und Kutná Hora ist mir nicht begegnet, aber das heisst ja nicht viel. Falls es dir einfällt – bitte hier noch anhängen, solche assoziativen Fäden zu verfolgen finde ich immer extrem spannend.

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      • danke schön und ja, ich habe das vor einer weile gelesen, es kann sein, dass ich den ort verwechsle. ich werde das nachlesen und dann hier ergänzen. solltest du nichts mehr hören, darfst du mich gern dran erinnern, sollte ich das versäumt haben. aber ich mache mir einen knoten ins taschentuch, dann sollte das klappen :-)

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          • liebe puzzleblume, guten morgen. ich habe gerade mal nachgelesen. also, der ort, an dem kafkas großvater als fleischhauer lebte und arbeitete hieß nicht hradek, sondern wossek. ich habe versucht, die entfernung zwischen hradek und wossek per googlemaps heraus zu finden, doch das hat nicht funktioniert. zwar hat es mir einmal als entfernung 2 stunden und 31 minuten angezeigt, doch wossek hieß dabei nicht wossek. ich kam also da erst mal nicht weiter.
            jedenfalls ist das wossek der ort, an dem es wohl ein gebäude gibt, ein schloß, oberhalb des dorfes, das als „vorlage für das schloß“ von kafka gedient haben könnte.
            vielleicht warst du ja sogar in der gegend?
            jedenfalls – hradek scheine ich also aus einem anderen zusammenhang zu kennen. nur aus welchem? das finde ich noch heraus. hoffe ich. :-)
            einen schönen sonntag dir! ich entknote nun das taschentuch und mache gleich einen neuen knoten hinein mit der frage: woher kenne ich hrádek? :-)

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            • Ui, vielen Dank für die umfangreiche Aufdröselung! Diese Ortsverwirrrungen kenne ich nur zu gut. Vor allem, als ich mal eine Ahnenforschungsphase hatte, bin ich wegen Namensgleich- und -ähnlichkeiten oft ziemlich herumgeeiert.
              Leider bin ich in Tschechien nicht sonderlich bewandert, weil mir Tschechien bislang durch Stippvisiten bei der Durchreise nach Ungarn ein bisschen bekannter wird. Früher, als wir häufiger gefahren sind, haben wir leider nicht einmal dort übernachtet. Dabei gibt es so viel zu entdecken, auch abseits der grösseren und bekannteren Ziele. Ich habe ja sowieso eine Vorliebe dafür, immer erst nachher herauszubekommen, was ich vorher gesehen habe. ^^

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            • Achja, eines ist mir noch zum „Hradek“ eingefallen – du wirst doch nicht etwa David Eddings‘ Fantasy-Romanfigur > Silk aus der Belgariade kennen? Der nannte sich gelegentlich in seiner Verkleidung als Kaufmann „Radek von Boktor“ :-)

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