Ganz normaler Wind

Ganz normaler Wind im Sinne von „alltäglich“ ist das, was auf den beiden Fotos zu sehen ist, inzwischen geworden, aber „normal“ ist das, was sich seit einigen wenigen Jahren zu einer Art Dauerzustand entwickelt hat, hier in unserer Gegend eigentlich nicht. So starker, nahezu ständig wehender Wind, dass es Insekten, wie beispielsweise Schmetterlinge, davon abhält herumzufliegen, oder Hummeln fast von den Blüten pflückt und ihnen und den anderen zumindest die Landung schwer macht, war hier früher die Ausnahme, auch wenn es einem gelegentlich zu Besuch kommenden Alpenbewohner immer als „windig“ erschien.

An manchen herrlich beleuchteten Sonnentagen auf das Fotografieren von Pflanzen und Insekten verzichten zu müssen, ist inzwischen die Regel, dafür stimmt eine andere nicht mehr, nämlich dass Westwind Regen bringt: der kam, im Vergleich zur Gegenwart, nur als eine gemässigte Bewegung, die einem nicht die Haare um den Kopf peitschte, als wäre man an der Nordseeküste, nicht etwa im Binnenland, rund 250 km davon entfernt.
Die Schieflage wird nicht nur beim Fotografieren von Stauden lästig, sondern bei den jüngeren Bäumen im Garten zum formgebenden Element, wie man das sonst nur von der Küste kannte. Am kleinen Apfelbaum, hinter den weissen Dolden der angewehten Wilden Möhre im Hintergrund, ist das deutlich zu sehen.

Müsste ich ein Indiz für die Klimaveränderung direkt hier vorort nennen, wäre es vordergründig weder die deutlich zugenommene Erwärmung, noch die Trockenheit, die mir deren Fortschreitenden am meisten deutlich macht, sondern der Wind, die grossen Massen stark bewegter Luft, die je nach Richtung Saharastaub und Hitze von SSO bis zum 53. Breitengrad treibt, oder, am nächsten Tag womöglich aus der nordwestlichen Gegenrichtung unter befremdlich anderen Wolken als früher, eisig wirkende Luft mit Abkühlung um mehr als zwanzig Grad Celsius, aber dennoch trocken. Früher gab es so etwas nicht ohne Gewitter und ordentliche Regengüsse, heute scheinen wir hier, in der norddeutschen Übergangszone vom subatlantischen zum subkontinentalen Klima, auf ca. 55°/11° einfach nur in einer Art Windkanal zu leben, durch die alles durchsaust, um sich woanders zu entladen.
Die beiden Fotos sind, auch wenn es anders wirkt, beide bei Wind von Nordwest aufgenommen, am 4. und am 7. Juli 2019 im Garten, Lüchow im Wendland, Lüchow-Dannenberg, Niedersachsen, das obere Bild, mit der Dunklen Erdhummel und der Ackerhummel an den windabgewandten Blüten der Wiesen-Flockenblume, kann man durch Anklicken vergrössern.

20 Gedanken zu “Ganz normaler Wind

  1. Es gibt mittlerweile kaum noch windarme Gegenden, habe ich auch den Eindruck. Und im Gegensatz zur Temperatur ist das kaum Thema. Ich vermute aber, dass mit zunehmender Erwärmung diese Entwicklung noch deutlich zunehmen wird.

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    • Das Windige nehmen viele Menschen auch nicht wahr. Die in grossen Ballungsräumen leben und arbeiten, haben oft zu wenig Berührung mit der Luftbewegung, mit den höheren Temperaturen auch mehr als mit deren raschem Sinken, weil die städtische Umgebung schnelle Prozesse dämpft.

      Die Erwärmung mit Tauprozessen von Arktis und Permafrostböden mit den damit einhergehenden Abkühlungen grösserer Luft- und Wassermassen als zuvor sorgen für so noch nicht erlebte Veränderungen der Luftströme, die in grösserem Kontrast zur erwärmten Landmasse stehen.
      Die Zunahme von Halo-Erscheinungen, den „sundogs“ neben der Sonne, erzählen von Eiskristallen in der Luft, und das im Sommer.
      Viele lang hingefetzte, riesige Wolkenformen, die hier früher nicht zu sehen waren, verraten grosse Bewegungen, während andere, typische Sommerwolkenformen, wie diese gleichmässigen Schönwetter-Haufenwolken, die früher mittags in gleicher Höhe wie Eischnee-Häufchen über eine Glasplatte gleitend über einigermassen ebenes Land gezogen sind, kaum noch zu sehen sind.

      Aber das ist den meisten Menschen nicht bewusst, darauf wurde früher kein Augenmerk gelenkt, es sei denn, jemand hätte wetterabhängig gearbeitet. Heute sind die Menschen sowieso ignorant und warten nur darauf, dass der Wetterbericht Aufschluss darüber gibt, ob man in den Biergarten, zum Heurigen, zum Surfen oder zum Skifahren gehen kann.

      Meine Bedenken drehen sich tatsächlich hauptsächlich um den austrocknenden Wind und die damit verbundene Bodenerosion als Fakt, auf den bisher die Landwirtschaft z.B. überhaupt keinen Fokus legt, sondern nur nach Dürre-Ausgleichssubventionen hechelt, statt mit etwas mehr Verstand die besonnten und vom Wind ausgetrocknenden Monsterflächen wieder durch Windschutzgürtel und verschiedenere Anbau-Höhen zu unterteilen.

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      • Dabei heißen die Gegenden bei uns, wo es immer schon windig war, „Steinfeld“ und so. Wir haben schon mal gewusst, dass der Wind Einfluss auf den Boden hat. Ich glaube übrigens nicht, dass die Leute (noch lange) Ignoranten sind. Die nächste Generation kümmert sich langsam. Es fehlt uns halt erschreckend an Schwarmintelligenz. Wir können soziale Probleme nur in kleinerem Rahmen lösen. Bei globalen Aufgaben sind wir zunächst einmal überfordert.

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  2. Ich wohne ja sehr nahe der Küste, wo es eh immer ziemlich windig ist. Aber auch hier verändert sich in dieser Hinsicht einiges: letztes jahr wochenlange Hitze OHNE Wind, das war schon sehr besonders – und jetzt wochenlang Sturm als Normalzustand, egal ob heiß oder kalt, aber immer trocken.
    Und ja, auch mich wundert, daß Wind kaum einmal Thema ist, am ehesten noch im Zusammenhang mit El Nino, aberr sonst!?

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    • Das wirkt nicht minder ungut, denn es ist ja alles darauf eingestellt, vor allem die Hitze im Norden ist für viele Pflanzen ein Problem, wo landläufig noch behauptet wird, es sei „nur“ die Trockenheit. Am ehesten wird noch thematisiert, was wirtschaftlich von Belang ist, und da ist Windstille in Regionen mit Windkraft-Erzeugung durchaus bedenklich und wenn bestimmte, für das nördliche Klima gezüchtete Obstsorten auf einmal wegen zuviel Hitze kümmern, egal wieviel Wasser sie zugeführt bekommen, oder anderswo angebaute, gewohnte Sorten zu windempfindlich sind, ist das auch nicht nur ein privates Kleingärtnerproblem.

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      • Richtig. Die Bio-Apfelbauern im alten Land zB pflanzen bereits keine Cox Orange mehr nach, weil die die TRockenheit nicht so abkönnen. Das word schnell Auzswirkungen haben, denn Obstbäume werden im Erwerbsanbau schon alle 15 Jahre (oder 10?) erneuert.
        Bei meinen Buchen habe ich in diesem Jahr beobachtet, daß sie wesentlich kleinere Blätter entwickelt haben. Eine Reaktion auf die Trockenheit? Kann aber auch damit zusammenhängen, daß dies‘ Jahr ein Mastjahr ist. Vorher war mir noch nicht aufgefallen, daß in Mastjahren die Blätter kleiner sind, aber evtl hab ichs auch bloß nicht gesehen.
        Letztlich las ich, daß erwartet wird, daß es im Zuge der größeren Trockenheit demnächst deutlich weniger Erlen geben wird.

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        • Erlen, Birken, und Hasel sind miteinander verwandt und typisch „nördlich“, so dass der unterschiedliche Wasserbedarf wohl weniger ins Gewicht fällt als die Hitze.

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            • Ich habe einen wurzelechten Gravensteiner und ein ebensolchen Klarapfel im Garten stehen, eigentlich ja auch Nord-Sorten, aber beide stehen viel besser da und mit vielen Früchten, während ein veredelter Himbeerapfel (eine Tschechische Sorte) und ein Zierapfel extrem vor sich hinmickern. Bei letzterem weiss ich es nicht, ob er eine Unterlage hat, aber ich las davon, dass bei veredelten Obstbäumen die Unterlagen viel entscheidender seien.

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  3. Sehr interessante Beobachtung.

    Ich wohne in der Stadt und arbeite in der Stadt. Aber aufgewachsen bin ich auf dem Land. Diese krassen Schwankungen, die du beschreibst, kannte ich auch nur in Kombination mit Gewittern. Jetzt hab ich den Eindruck, diese Gewitter bleiben oft aus, obwohl es sich nach Gewitter anfühlt. Vielleicht liegt das auch an den hohen Windgeschwindigkeiten.

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  4. Ich glaube, wir hatten uns schon mal drüber unterhalten. Auch ich nehme hier in der Stadt seit vielen Jahren zunehmenden Wind = Sturm war. Ganz oft, wenn wir um die 25 bis 30 Grad haben, tost draußen der Sturm und wir gucken kopfschüttelnd raus! Mag sein, daß es mir hier noch mehr auffällt, als den Leuten die noch mehr im Stadtzentrum wohnen, obwohl man den Wind auch dort gewahr wird, wenn er von den Häuserschluchten kanalisiert wird. Hier hinterm Haus sehen wir jedenfalls, wie sich die Bäume biegen. Gerade auch als Radfahrer kann man diesen Wind nicht übersehen, weil man nicht mal gemütlich radeln kann, ohne sich durch den Sturm kämpfen zu müssen. Ich kann nicht genau sagen, wann es hier angefangen hat, aber ich schätze in den letzten 10 Jahren. Hinzu kommt bei uns immer öfter Ostwind. Von wegen der durch den Westwind geneigten Bäume, ist es inzwischen oft wochenlanger Ostwind (letztes Jahr), der die restliche Feuchtigkeit aus dem Boden holt. Ja, daß man die Knicks vielfach kaputt gemacht hat, die unsere Vorfahren so weise angelegt haben, darüber kann man auch nur den Kopf schütteln. Wir werden in Zukunft wesentlich flexibler reagieren müssen. Schaun wir mal, ob wir dazu in der Lage sind.

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    • Ja, so sehe ich das auch, es kam in den letzten zehn Jahren, etwa ab da, wo ich wieder hergezogen bin. Vorher habe ich ja jahrelang mit den Kindern meine Sommer hier verbracht, weil es klimatisch erträglicher war als im heissen Burgenland.
      Schönwetter mit stürmischen Winden gab es als nahezu alltägliches Sommerwetter früher im Binnenland einfach nicht. Dort nicht und hier erst recht nicht.

      Bei deinem Augenmerk für die Natur wundert mich das nicht. Die Radfahrer sind allerdings tatsächlich eine Gruppe von Menschen, die es unabhängig davon bemerkt haben könnten, da hast du vollkommen recht.

      Bei dir bzw. im Raum Hannover verlaufen / verliefen? die Luftströmungen wieder anders als bei uns bzw. es könnte sein, dass es sich verschiebt. Bei uns ist die Klimazone ja schon immer entsprechend. Was ist eigentlich „schon immer“ … wie im Artikel geschrieben, jedenfalls: kontinental beeinflusst, im Gegensatz zu deiner weiter südwestlich liegenden Region auf ca. 52° / 10° Breite und Länge, im Vergleich zu ca. 53° / 11° bei uns.
      Wenn das verrutscht, ändert sich noch viel mehr, wie die Berichte über die Fehleinschätzung der Winterniederschläge im Harz nahelegen, denn der liegt ebenfalls auf ca. 52° / 10°, und versorgt grosse Teile des östlichen Niedersachsens mit Trinkwasser.

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      • Habt ihr denn auch mehr Ostwind? Da sind garantiert einige Verschiebungen dabei. Sie stellen ja fest, daß sich der Jetstream bereits verändert. Kürzlich sah man im Wetterbericht auch eine Nord-Süd-Strömung, wo sonst westliche Winde vorherrschen. Von den Winterniederschlägen im Harz weiß ich jetzt nichts. Wahrscheinlich sind sie geringer als gedacht? Wobei wir ja auch schon festgestellt haben, daß die Winter feuchter geworden sind. Ach ja, immer anders und anders als früher. Mal sehen, was noch kommt bzw. wie es weitergeht. Heute gabs endlich kräftige Schauer – aufatmen!!!

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  5. Früher war unsere Gegend, das Sauerland, ein verlässlich niederschlagsreiches Gebiet.
    Das hat in den letzten Jahren arg nachgelassen, der ehedem äußerst seltene (Sommer-)Ostwind dagegen hat stark zugenommen.
    Für den Wald, die (bisherige) Landwirtschaft und für die Funktion unserer Region als Wasserspeicher (Talsperren etc.) für u. a. das Ruhrgebiet ist diese Entwicklung nicht gut ..
    Gestern und heute hat es nach Wochen wenigstens mal wieder halbwegs spürbaren Regen hier gegeben.

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    • Danke, Christoph. Ich erinnere mich sehr gut daran, und ich hatte damals das Wendland schon nicht als regenarm empfunden, das bedeutet für Buchen und Fichten nichts Gutes und die Wasserversorgung – siehe oben im Antwort-Kommentar zu Pflanzwas‘ Kommentar, zum Harz. Ich habe gerade mit nach Koordinaten gesucht und komme auf ein Circa von 51° / 8°, also noch westlicher als die o.g. Beispiele.

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  6. Mich nervt dieser ewige Wind auch. Irgendwie hat der Wind in den letzten 3-4 Jahren auch die Richtung gewechselt. Während wir früher immer geschützt auf unserem Balkon (Osten) sitzen konnten und es da auch nie reinregnete, werden wir da jetzt regelmäßig vom Wind vertrieben.

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    • Du hast das also auch wahrgenommen. Wobei Postdam ja definitiv noch stärker kontinental mit von Osten kommendem Wetter beeinflusst wird als wir hier in unserem Bereich. Aber dass es sozusagen auch noch „Fahrt“ aufgenommen hat und sich nicht nur gelegentlich bräsig mit Schönwetter ausbreitet, das ist neu.
      Ostwind bzw. Südostwind war früher viel seltener.

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