Eine gebogene Gasse und Schuhe auf einem Seil (2. Tag in Gent)

2015-08-22 2_Gent_15 Biezekapelstraat (2) Eckhaus Anno 1901Hatte ich im vorigen Beitrag noch die Umgebung des Platzes mit hohen und bekannten Bauwerken Gents zwischen der St. Nikolaikirche und der St. Bavo-Kathedrale beschrieben, zeigen die nächsten Bilder das Gegenteil, nämlich sozusagen im Schatten des Grossartigen eine gekrümmte kleine Gasse namens Biezekapelstraat. Zwischen Sint-Baafsplein und Kathedrale zweigt sie vom Platz ab, und weil ich solche Nebenschauplätze immer mindestens ebenso interessant finde, wie die erklärten Sehenwürdigkeiten, entschied ich mich, dort auch mal „um die Ecken zu sehen“. Gleich hinter der Ecke sind die ersten beiden Fotos entstanden, vom ganz zeitgemäß mit Eisen und Keramik floral verzierten Eckhaus, gebaut 1901 von Jean Gys.

2015-08-22 2_Gent_15 Biezekapelstraat (1) Eckhaus Anno 1901

Den gebogenen Verlauf verdankt die Biezekapelstraat der Tatsache, dass 1897, bei Planung und Anlage des neuen Sint-Baaf-Platzes zwischen Kathedrale und Belfried mit den ihn umgebenden stilvollen Häusern alte Strassenverläufe verschwunden bzw. das Vorhandene, was nicht abgerissen werden konnte, angepasst wurde. So kommt es, dass sich hinter Biegung überraschend ein burgähnlicher Hof öffnet, die Achtersikkel. Ihm gegenüber befindet sich die der Gasse den Namen gebende kleine Barockkapelle an der Nordseite des Bisschoppelijk Seminarie, dem ehemaligen Bischöflichen Priesterseminar.

Die Biezekapel im Stil Ludwig XIV. von 1724, gebaut durch Fr. Van Pottelberghe, Herr van Overdam beherbergt ein Marienbild; dieses wurde 1633 als Figur in einer Bildnische gestiftet durch Jan Baptist de Rodoan, Ritter und Herr van Bieze, dem das benachbarte Haus zur Linken gehörte. Zur Zeit der Besetzung während der Französischen Revolution wurde die Kapelle 1784 zugemauert und blieb das tatsächlich auch bis 1932 – dann erst wurde sie restauriert.
Die Achtersikkel verdankt ihren Namen einer wohlhabenden Patrizierfamilie vander Sickelen, die dort vom 14. Jh. bis ins 16. Jh. lebte. Der steinerne Turm wurde den Backsteingebäuden im 15. Jh. hinzugefügt und 1566 mit dem Belvedère im Renaissancestil gekrönt. Im 16. Jh. wurde die Achtersikkel von der Abtei genutzt.

1797 wurde die Achtersikkel der Kirche entzogen und verkauft, durch das 19. Jh. hindurch von verschiedenen Gesellschaften genutzt und schliesslich Ende des 19. Jhs. von der Stadt Gent erworben, von 1900-1908 durch den Architekten Ernest Van Hamme restauriert und durch den Stadtarchitekten Charles Van Rijsselberghe zum Musikkonservatorium umgebaut. Dabei wurden als unpassend empfundene Teile entfernt und durch einen stilistisch zum alten Gebäude passenden Flügel mit Stufengiebel und dem Bild der ‚Jungfrau von Gent‘, Sint-Veerle, ersetzt, hier mit einem flandrischen Löwen und links dem angedeuteten > Gravensteen, rechts dem > Rabot im Hintergrund.
An der Kapelle vorbei und um die zweite Biegung der Biezekapelstraat herum wurde unter einer Balkenkonstruktion die Einmündung der Gasse in den Zandberg (gegenüber) bzw. die Nederpolder genannte Strasse (nach rechts) zu sehen:

… wieder mit einer Marienfigur aus dem 16. Jh. an der Hausecke gegenüber, dem ehemaligen ‚Hotel Vanden Meersche‘, mit einer bunten Geschichte, weil es von einer Herberge für Händler namens „Pelikan“ am Zandberg in der Mitte des 14. Jhs. später unter Zusammenlegen mehrere benachbarter Gebäude im 16. Jh. zum Herrenhaus umgebaut wurde … im 18. Jh. von Jean-Baptiste Ignace Vanden Meersche gekauft … ( dafür, dass ich nur eben dran vorbeigelaufen bin, schreibe ich aber nicht alles auf!) … und wurde im 19. Jh den Schwestern der hl. Kindheit Jesu, gestiftet, die ein Krankenhaus für Augenkrankheiten einrichteten, danach wurde es ein Altersheim und schließlich wieder Privatbesitz. Wenn man das Hotel Vanden Meersche googelt, bekommt man Rokoko-Hofansichten zu sehen, von denen ich beim Vorbeigehen absolut nichts geahnt hätte.


Die bunte Sammlung von Schuhen und Stiefeln über einer Leitung quer über der Strasse, die ins Kunstviertel führt, ist unkompliziert modern und schnell beschrieben, obwohl ich schon auch neugierig wäre zu erfahren, wann „Marcello“ und die anderen ihre Schuhe hinaufgeworfen haben, warum, ob sie barfuss nachhause gegangen sind, oder sie Paare schon zu dem Zweck mitgebracht hatten …
Die Fotos sind vom Mittag des 22. August 2015 – zum Vergrössern bitte die kleinen Bilder anklicken!.

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16 Gedanken zu “Eine gebogene Gasse und Schuhe auf einem Seil (2. Tag in Gent)

      • Ah-ja: es nennt sich Shoe-Tossing oder auch shoefiti und > hier hat jemand – deutschsprachig – darüber einen ganzen Blog-Artikel geschrieben. Es gibt zwar auch einen kleinen Wikipedia-Eintrag, aber der ist im Vergleich so mager, dass ich denke, der Besuch einer Seite, auf der jemand sich aus kommerziellem Interesse Schuhen widmet, wird niemanden mental beeinträchtigen.

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      • Alternativ kann man auch Bäume hochklettern und Schuhe annageln. Pech für den Baum wegen der Nägel. Ich kenne zwei Bäume, an denen Schuhe festgenagelt sind. Einer steht in der Nähe eines Hochzeitshotels. Die Bräute werden aufgefordert ihre Hochzeitsschuhe dort festzunageln, um ihrem Ehemann nicht weglaufen zu können. (Ich weiß, was ich nicht machen würde 😉 )

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        • Danke, solche Sachen kenne ich überhaupt nicht, ich glaube, zu der Zeit, wo ich hauptsächlich mit Hochzeiten zu tun hatte, waren die wesentlich unkomplizierter und darüber bin ich ziemlich froh. Mit dem ganzen Getue kann ich mich nicht anfreunden.

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    • Of course I do, Catherine. It is a hidden but all interesting place, even it is difficult to find a good point of view to meet the impression of the Achtersikkel court the way one feels it should be.
      Happy Holidays to you and the yours!

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