Von der Akademiebrücke zum Rabot (2. Tag in Gent)

Nach der schattigen Passage durch die > Academiestraat wusste ich die helle Freundlichkeit mit Wasser, Grün und Blumenschmuck entlang des Augustijnenkaai und des Sint-Antoniuskaai am Lieve-Kanal um so mehr zu schätzen:

2015-08-22 2_Gent_5 Prinsenhof (10) Akademiebrücke+Lieve-Kaimauer

Rechts im Schatten liegt die Einmündung der Academiestraat in die Molenaarstraat, vielleicht erkennt auch jemand neben der Academiebrug die Häuser an der Ecke zum Sint-Antoniuskaai aus dem vorigen Eintrag wieder? Das gemauerte Erscheinungsbild hat die Akademiebrücke erst seit 1952, denn in den 50er Jahren änderte sich das gesamte Aussehen des früheren Lievehafens mit Entladekran und Wendebucht für Frachtkähne zwischen Lievebrücke und Akademiebrücke, zwischen Augustijnenkaai und Lievekaai. Die eiserne Drehbrücke wurde nicht mehr benötigt, um Frachtkähne durchzulassen, die Wendebucht erübrigte sich. Heute stehen dort hohe Trauerweiden und es ist still – ebenso wie an Graslei, Korenlei und Kraanlei unmöglich, sich die alte Betriebsamkeit der Frachtschiffahrt vorzustellen.

An der Academiebrug stellte sich die Frage, auf welcher Uferseite ich weitergehen wollte; ich entschied mich für den Sint-Anoniuskaai (auf den Fotos hier die rechte Seite), weil man die ganze Zeit am Wasser entlanggehen kann. Dabei hat man stets den Blick auf das interessante, Rabot genannte Torgebäude, das ursprünglich Ende des 15. Jhs. als Teil der Stadtbefestigung zum Schutz einer Schleuse des Lieve-Kanals errichtet worden war, als die Verbindung von Gent mit dem Meer noch auf dieser Seite der Stadt lag. Die Bezeichnung „rabot“ bezieht sich ursprünglich auf einen Schleusen-Typ, der das Wasserniveau zwischen Kanal und Mündungsgewässer durch eine hochziehbare Barriere aus Holz regulierte.
Gent verfügte im 13. Jh. bei seinem Kanalsystem über mehrere „rabots“, aber der Name wurde nur hier auf das Gebäude übertragen, denn es war zwar mit seinem Bau nach Plänen von Frans Morael 1489-1491, nach der Genter Stände-Revolte von 1488 gegen die Regentschaft Maximilians von Habsburg, dem späteren Kaiser Maximilian I., anstelle seines Sohnes Philipps nach dem Tod seiner Ehefrau, der Herzogin Maria von Burgund, nicht der letzte Teil der insgesamt 14 Kilometer langen Stadtbefestigung, aber (ausser einem ‚Peperbus‘ genannten Wachtürmchen am Isabellakaai) der einzige, der nach 1860 bis heute davon geblieben ist, wenn auch nicht in seiner alten Form, denn 1860 hat man Teile davon entfernt und historisierend ersetzt. In der Anlage gab es nicht nur Räume für die Bediener der mechanischen Vorrichtungen wie Schleuse und Sperrgitter, sondern auch für die Schiffskontrolleure und Zolleinnehmer, so diente in späterer Zeit der Platz im Rabot auch als Pulvermagazin, Kühlhaus, Fischdepot, Archiv der Stadtpatente und Elektrizitätskabine … Seit 1936 stand das Tor zwar unter Denkmalschutz, aber erst seit 1985 nimmt man sich des Gebäudes wieder als erhaltenswertes Kulturdenkmal an.
Während der Industrialisierung war dahinter ein ebenfalls Rabot genannter Stadtteil entstanden, Bahnhof und Gaswerk, die wiederum um 1970 durch mehrere 50 Meter hohe Hochhäuser ersetzt wurden, die ihrerseits nun wieder aus verschiedenen Gründen zum Abriss vorgesehen sind.
Auch den Gebäuden entlang des Kanals, am Sint-Antoniuskaai, kann man die Veränderungen während der vergangenen Jahrhunderte ansehen, alte Backsteinhäuser aus dem 18. und 19. Jh. neben modernen Wohnhausklötzen, wo früher sich Fabriken entlang des Wassers angesiedelt hatten.
Als ich am 22. August 2015 gegen halb elf diese Fotos aufnahm, wusste ich noch nicht, dass ich etwa zwei Stunden später noch einmal dort mit einem Boot vorbeikäme. Es hat sich einfach so ergeben. Trotzdem harmonieren die Fotos nicht miteinander im selben Eintrag, einerseits wegen meines ganz persönlichen „Erlebnisgefühls“, andererseits auch wegen der Perspektiven nicht. Also kommt die Bootstour später und hier geht es auch beim nächsten Eintrag erst einmal zu Fuss weiter.

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14 Gedanken zu “Von der Akademiebrücke zum Rabot (2. Tag in Gent)

  1. Heute komme ich endlich mal wieder zum Lesen und „Blättern“ durch die Fotos und Texte. Und wie immer freue ich mich an deiner Startseite „Leben ist nicht genug, sagte der Schmetterling….“ und heute lässt die Sonne sich (zumindest bei uns in Thüringen) nicht lumpen!
    Herzliche Herbstgrüße von
    Marlis

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    • Das freut mich, liebe Marlis. Die Sonne kokettierte hier zwar vormittags ein bisschen und herum, aber jetzt kommt sie gerade wieder und ich brauche nicht mehr meine Fotos, um blauen Himmel sehen zu können.

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  2. Dieser Teil des Rundgangs (und der Stadt) war erheblich erheblich heller und freundlicher als der vorige.
    In diesem Beitrag sind ja besonders viele (bau-)geschichtliche Phasen Gents vereint – spannend!

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    • Man kann der heutigen Idylle nicht mehr so deutlich ablesen kann, eigentlich am Rand eines ehemaligen Hafens zu stehen und die Industriegebäude des späten 19. Jhs. sind fast spurlos verschwunden.

      Später kommt ein Beitrag über das STAM, das besuchenswerte Stadtmuseum. Ich habe es als grossen Vorteil erkannt, zuerst die Stadt anzusehen und dann im Museum vergleichen zu können.
      Das Wiedererkennen des Veränderten fällt leichter, als sich ganz und gar Unbekanntes im Museum zu merken, um es draussen wiederzuerkennen.

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