Von Augustinus bis Michael (2. Tag in Gent, Belgien)

2015-08-22 2_Gent_5 Prinsenhof (1) Sint-Margrietstraat Pastorie Sint-StephanusparochieWeiter mit meinem Spaziergang am zweiten Tag in Gent. Nachdem ich durch Gassen im Patershol gestreift war, ging ich über die Lange Steenstraat in die Sint-Margrietstraat und entdeckte die Sint-Stephanuskerk. Es war schattig zwischen den Häusern, darum habe ich nur dieses Bild von Augustinus (Augustinus von Hippo) als Bischof, über dem Eingang zum Pfarrhaus der St. Stephanskirche gemacht. Früher war es das Sprechhaus des Augustinerklosters. Das Kloster spielt in diesem Stadtviertel seit über 700 Jahren eine Rolle. Gründung des ersten Augustiner-Hauses soll 1295 in einem geschenkten Haus auf der Ecke der Lange Steenstraat mit der Geldmunt erfolgt sein, unweit des Areals, auf dem es nach der 1296 erfolgten Genehmigung des Bischof von Tournai für den Bau eines Klosters und einer Kirche gedieh. Während des Bildersturms zwischen 1566 und 1578 wurde das Kloster zerstört, teilweise versteigert und anders genutzt. Erst 1584, nach der Niederlage der Calvinisten und dem Ende der Gentse Republiek, konnte der Augustinerorden wieder Kapelle, Kloster etc. aufbauen; zur Priester-Ausbildung wurde 1737 mit Geldern der Stadt Gent das Neue Colleg im Barockstil errichtet; nach der Französischen Revolution wurde das Colleg 1804 zur Kunstakademie (s.u.) heute kennt man es als (inzwischen ehemalige) Koninklijke Academie voor Schone Kunsten, die ‚Königlichen Akademie der schönen Künste‘:
2015-08-22 2_Gent_5 Prinsenhof (3) Academiestraat  ehem. Kunstakademie

Das Augustinerklostergebäude mit den roten Backsteinen und das verwahrlost aussehende, hellgraue ehemalige Gebäude der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten waren ursprünglich, wie zwei Hälften einer Walnuss, Teile des Klosters gewesen und die heutige Academiestraat nur ein interner Durchgang. Als nach der Französischen Revolution das Colleg-Gebäude zur Kunstakademie geworden war, begann man mit entscheidenden Umgestaltungen. 1812 verlief der Durchgang zwischen Kloster und einem heute nicht mehr existenten Südflügel des Collegs als Zweerdstraat zwischen Sint-Margrietstraat und Lieve-Kanal und war an beiden Enden mit Toren verschlossen. 1827 wurde durch den Genter Stadtarchitekten Lodewijk Joseph Adriaan Roelandt das ehemalige Priesterkolleg zu einem eigenständigen Gebäudekomplex als Kunstakademie umgeformt und mit einem Nordflügel ergänzt (auf meinen Fotos der mit dem Vogel), so dass sich ein Ehrenhof zur Sint-Margrietstraat öffnete. Erst als 1870/71 wegen weiterer Schulbauten der Zugang dorthin verbessert werden musste, ersetzte man den Südflügel durch einen Ostflügel und verlegte die Öffnung des Hofes zur verbreiterten und geöffneten Academiestraat, wie man sie heute kennt. Das Foto mit dem angefressen aussehenden Relief zeigt die’Jungfrau von Gent‘, Sint-Veerle, die Schutzpatronin der Stadt; dieser Westflügel ist der alte Gebäudeanteil des Priesterkollegs von 1737-1738, in seiner Modifikation von 1871. Die Tür auf dem hochformatigen Foto verschließt einen Durchgang zwischen der alten Kunstakademie und der oude brandweerkazerne, der angrenzenden grossen, vormaligen Feuerwehrkaserne von 1891, wo die Stadt Gent momentan gefundene Fahrräder deponiert. Noch vorher war zumindest ein Teil davon 1870-1871 als Mädchenschule entstanden. Da sowohl die Kunstakademie als auch die Genter Feuerwehr in den letzten Jahren neue Gebäude bezogen haben, ist das über einen Hektar große Areal kürzlich verkauft worden und wird in einen Wohnkomplex mit über 130 Wohnungen und verschiedenen Einrichtungen umgewandelt werden, soweit ich gelesen habe, unter Wahrung der denkwürdigen Bausubstanz – wenn das so eingehalten werden kann, wäre das wohl auch gut so, denn der offensichtliche Verfall ist kein wünschenswerter Zustand.

Diese beiden Fotos sind von der gegenüberliegenden Strassenseite der Academiestraat, vom Augustinerkloster. Die barock eingefasste Tür und das geöffnete Fenster befinden sich in etwa gegenüber der oben gezeigten Tür zwischen einstiger Akademie und alter Feuerwehrkaserne. Im Gegensatz zu diesen war aus dem Klostergebäude lebhafte Betriebsamkeit zu hören. Ich ging durch Academiestraat an der alten Feuerwehrkaserne vorbei bis zum Ende, wo sich auf der Molenaarstraat wieder ein ganz anderer Anblick bot:

2015-08-22 2_Gent_5 Prinsenhof (7) Molenaarsstraat-Ecke Sint-Antoniuskaai

Einerseits auf kleinteiligere Gebäudereihen mit Treppengiebel-Häusern rechts in die Molenaarstraat (oben) wo auf dem Bild die gegenüberliegende Strassenecke Molenaarstraat – Sint-Antoniuskaai zu sehen ist, andererseits nach links entlang des Augustijnenkaai über die Lieve bis zur Burg Gravensteen (unten), deren erhöhten Standplatz von dieser Seite überrascht …

2015-08-22 2_Gent_5 Prinsenhof (8) Augustijnenkaai+Lieve

… aber nicht minder überraschend wie neben der Tür auf der Klostermauer der Engel mit der Gasmaske, der seine Fanfare anscheinend nicht nur musikalisch, sondern auch kämpferisch einzusetzen bereit scheint:

Der Zuiveringsengel, die Skulptur des „Engels der Reinigung“ wurde 2000 vom belgischen Künstler > Tom Frantzen als eine Variante des Erzengel Michaels geschaffen, wie dieser die Verschmutzung unserer physischen und geistigen Welt den Menschen gegenüber anmahnt und verteidigt. Der etwa menschengrosse Engel auf der Mauer vom Augustinerkloster besteht aus Epoxidharz, es gibt auch eine Bronzeversion. – An dieser Stelle schließe ich wieder einen Abschnitt meines Spaziergangs in Gent am Vormittag des 22. August 2015. Die kleinen Fotos kann man zum Vergrößern anklicken.

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8 Gedanken zu “Von Augustinus bis Michael (2. Tag in Gent, Belgien)

  1. Der Engel mit der Gasmaske ist gewöhnungsbedürftig und erinnert mich an die Mahnmale gegen Atommüll bei uns im Wendland. Hat man sie alltäglich vor Augen, fallen sie weniger auf, während sich neuankommende Besucher manchmal irritiert zeigen. Der Vogel zu Beginn der Bilderserie hat mich auch irritiert. Soll er einen Schwarzstorch zeigen?

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    • Der Vergleich ist mir nicht eingefallen, aber du hast vollkommen recht mit der Art der Darstellung. Dieser Gasmasken-Engel fasziniert viele Touristen, die vor allem mit den Bootstouren an ihm vorbeigefahren werden.
      Ein „Schmutzstorch“ eher… nein, von einer Kunstakademie erwarte ich doch mehr Bemühen um Ähnlichkeit, falls es eine bestimmte Art sein soll. Ist vielleicht der symbolisch letzte Vogel, der aus dem verlassenen Gebäude noch nicht ausgeflogen ist – da müsste man Redensarten kennen.

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  2. Das war ein hochinteressanter, überraschender, aber auch leicht irritierender Abstecher (oder liegt das Ex-Klostergelände direkt auf einer Touristen-Hauptroute?) in Deinem Gent-Spaziergang.

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    • Dorthin verirrt sich auf diese Weise wohl kaum ein Tourist zu Fuss. Die Bootstouren fahren auf dem Kanal daran vorbei, aber aus dem Boot sieht man nur die Klosterecke mit dem Reinigungs-Engel. Es ist nicht gerade „romantisch“, wie du es auch bemerkst.

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