Am Berliner Dom

Nach dem Mittagessen am Spreeufer in der > „Baguetteria Mia“ ging es zurück auf die Rathausbrücke und über die inselseitige Treppe hinunter und entlang eines der unvermeidlichen Bauzäune auf den Berliner Dom zu und dort an der Liebknechtbrücke wieder eine Treppe hinauf. Genau wie die Rathausbrücke hatte die heutige Brücke Vorgängerinnen mit anderem Aussehen und anderen Namen, von Burgbrücke über Kavalierbrücke zur Kaiser-Wilhelm-Brücke, und die heutige Version verdankt ihren Namen Liebknechtbrücke dem Umstand, dass Karl Liebknecht eine Rechtsanwaltspraxis in der Nähe besessen hatte, von wo aus er am 9. November 1918 die Brücke überquerte, um vom Berliner Stadtschloss (habt ihr noch > ‚Portal IV‘ im Sinn?)die Freie Sozialistische Republik Deutschland auszurufen. Dieselbe Brücke war es nicht, aber Teile der alten Kaiser-Wilhelm-Brücke von 1884/89 nach Plänen von James Hobrecht, G. Rospatt und Reinhold Persius gebauten Brücke wurden 1949 beim Wiederaufbau der 1945 durch die deutsche Wehrmacht gesprengten Kaiser-Wilhelm-Brücke verwendet, so dass dieser Zusammenhang mit Karl Liebknecht nicht nur ein ideeller ist, sondern in der Basis real.
Für den Bau dieser Basis hatte es 1884 verzögerungen gegeben, weil zuvor alte Fundamente des vorigen Dombaus entfernt werden mussten, denn auch mit dem Berliner Dom verhält es sich ganz ähnlich: er ist ein Nachfolger von „Vorgänger-Domen“, die den Repräsentationsbedürfnissen immer wieder weichen mussten, auch der Anfang des 19. Jahrhunderts von Karl Friedrich Schinkel im Stil des modernen Klassizismus umgestalte Dom wurde nach nur 75 Jahren abgerissen und ersetzt, dem Neubau waren aber auch keine 50 Jahre Pracht beschieden, denn er wurde während mehrere Luftangriffe im 2. Weltkrieg schwer beschädigt, 30 Jahre später wurde mit Wiederherstellungsarbeiten unter immer wieder abgewandelten Plänen und einigen Verzichten und Vereinfachungen begonnen, die für manche seit 2002 als abgeschlossen gelten, für andere steht noch der Wunsch nach dem Wiedererstellen der Denkmalskirche auf der Nordfassade aus.

Als die Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin nach Plänen von Julius Raschdorff errichtetet wurde, fand der Zeitgeschmack um 1900 Ansammlungen geflügelter Gestalten mit Putten und Früchtegirlanden als architektonischen Zierat schön, ganz gleich, ob weltliches oder sakrales Gebäude, also auch an diesem. Im der heutigen Erscheinungsbild sind davon nicht mehr so viele zu sehen, aber die junge Mutter, die ihren Kinderwagen unter dem bronzenen Bärenkopf über die Treppe holperte, hätte sich wahrscheinlich auch Flügel gewünscht.
Der Bär ist einer von vieren und stammt von der früheren Kaiser-Wilhelm-Brücke. Diese Bärenplastiken hatten eine bemerkenswerte Odyssee hinter sich, denn die bronzenen Schmuckteile sind nicht erst 1945 der Brückensprengung zum Opfer gefallen oder später entfernt worden, sondern schon vier Jahre zuvor wegen einer geplanten Verbreiterung abgebaut und weggeschafft worden, um für „kriegswichtige Zwecke“ eingeschmolzen zu werden. Sie wurden aber in der Giesserei Bänninger im hessischen Giessen vor dem Ofen bewahrt und im Lager versteckt. Erst nach Kriegsende bei der Auflösung des Lagers wurden sie wieder entdeckt, aber nach der Firmenübernahme der Giesserei Bänninger durch die US-Firma Nibco 1982 nach Indiana verbracht; von dort wurde dem Berliner Senat zunächst ein Kaufangebot gemacht, nach der Wende aber wurden sie 1994 durch den Botschafter der U.S.A an den regierenden Bürgermeister von Berlin als Gastgeschenk zurückgegeben, so die Bären wieder in der Brücke eingebaut werden konnte. (> u.a. hier nachzulesen).
Unklar scheint, ob der Bär nun von Eduard Luerssen oder Ernst Westphal stammt, die als Bildhauer und Medailleure beide an der Dekoration der K-W-Brücke mitgewirkt hatten.
Es herrschte trotz des mieseligen Wetters und Baustellen-Umgebung ein reger Besucherstrom am Dom, in den ich mich aber nicht eingereiht habe, um ihn auch von innen zu bewundern.

2015-07-28 BERLIN-Tage 348S Berliner Dom Engel+Brücke

Statt dessen bin ich rechts herum und über die Brücke weitergezottelt, ein Stück der Karl-Liebknecht-Strasse hinunter, Richtung Marienkirche, aber das kommt wieder erst im nächsten Beitrag an die Reihe. – Diese Fotos sind vom Mittag des 28. Juli 2015 auf der Spreeinsel in Berlin-Mitte gemacht. Zum Vergrößern bitte die Bilder anklicken.

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9 Gedanken zu “Am Berliner Dom


    • Nach der Domgeschichte zu urteilen, war man beim Dombau um 1900 auch nicht von Schönheit, Harmonie und religiöser Empfindung geleitet, sonder vom ganz weltlich-repräsentativem Streben nach kaiserlicher Repräsentation. Warum sonst reisst man einfach völlig intakte Kirchengebäude ab, weil sie „zu schlicht“ waren, wie den Dom von Schinkel?
      Wenn heute im Zusammenhang damit Sentimentalitäten und artige Bewunderung geäußert werden, geht es eher um Stadt- und Staatsidentitäts-Angelegenheiten einerseits, und besucherseits Angst, sich als „kulturfern“ zu outen.

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    • Darum habe ich die mehr beachtet als den Dom, obwohl der wiederum Parallelen zum Umgang mit Bau und Architektur in Barcelona anbieten würde. Ich empfand die Geschichte von zweckgerichtetem Abbau, Rettung, Entführung und reputationsförderlichen Rückführung auch als „pars-pro-toto“-Element.
      Wenn man aber diese Geschichte der historisch-emotional behafteten baudekorativen Kunst noch im Gedächtnis hat, und dann etwas später am Artikel mit Fotos vom Bode-Museum arbeitet ( > Theatralisches an der Montbijoubrücke ), bekommt das Wissen um die über Jahrhunderte zusammengetragenen und dort bewahrten Kunstschätze einen berechtigt fragwürdigen Beigeschmack.

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