Verrückter oder Genie?

„Wer weiß, ob wir den Titel einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben – nur die Zeit wird es uns sagen“ – soll Elies Rogent, der Direktor der Architekturschule l’Escola d’Arquitectura de Barcelona angemerkt haben, als Antoni Gaudí i Cornet am 15. März des Jahres 1878 den Abschluss erhielt.

Als hätte Walt Disney eine Kathedrale für ein reales Entenhausen entwerfen lassen! dachte ich spontan, als ich davor stand, oder als wäre es ein mit reichlich weißem Zuckerguss zusammengeklebter Bau aus weich und wieder fest gewordenen Spekulatius, mit pastellfarbigen Liebesperlen und Zuckerblümchen verziert.

Selbst die sensorischen Empfindungen würden passen: die rauhe, krümelige Textur für die durchbrochen strukturierte Steinbauweise mit dem feurig-würzigen Aroma beim Anblick der emporstrebenden, auf gotische Formen anspielenden Türme und Fenster – spekulatiusartig! Die bonbonglatten Empfindungen der in zuckrige Höhepunkte treibenden, weiß- und pastellfarbenen Verzierungen wirken im Zusammenspiel mit ihnen, als wären die Türme Instrumente für Basstöne, erzeugten die Fenster beim Ansehen die mittleren Lagen und die „Zuckerelemente“ die spitzen Höhen: ein Musiker könnte es in ein musikalisches Tonwerk umsetzen.

Als Synästhetikerin nehme ich den Bau des Temple Expiatori de la Sagrada Família auf vielfache Weise wahr und empfinde darum auch kein Befremden, wenn ich lese, dass Antoni Gaudí i Cornet mit dem Erscheinungsbild des materiellen Kirchengebäudes neben Inspirationen durch Felsformationen des Berges Montserrat vor allem die hymnische Idee sichtbar machen wollte. Als ignostizistische Agnostikerin sehe ich weiterhin die Vergleichbarkeit zu ethischen Gedankengebäuden, das Zusammenspiel von Statik und Zierrat, die Synthese von Planung und Technik mit Sehnsucht und ästhetischer Lustbefriedigung, und das ausgelebt durch geistige und materielle Dienste von Einzelnen; etwas, dem sich auch der Architekt dieser erstaunlichen Visualisierung durch ein Gebäude jahrzehntelang mit seiner Lebensenergie und bis zu seinem Tode vollständig unterworfen hatte. Die vielen unbekannten Arbeiter und Handwerker, die über die Zeiten auf der Baustelle tätig waren, nicht minder.

Der auf lediglich den zweiten Teil verkürzte Name der nach über 130 Jahren zwar immer noch nicht vollendeten, aber 2010 durch den Papst geweihten Basilika Sagrada Familia veranschaulicht diesen Eindruck durch die Ursprungs-Definition des Begriffs > „Familie“ Bitte den Link anklicken und selbst nachlesen, ein wenig nachdenken über die emotionalen Grundlagen und Ansprüche, die Familie und Religion gleichermassen an ihre Mitglieder stellen. Das Modell der Familie wird in religiösen Vorstellungen nicht umsonst so erfolgreich verwendet.

In der Zeit des modernen Tourismus addiert sich zur Anziehungskraft auf Menschen, die sich traditionell mit der Idee einer Kirche identifizieren, eine hohe und immer noch steigende Besucherzahl von Menschen aus aller Welt und verschiedener anderer Glaubenszugehörigkeiten, die anreisen, um das weltlich Spektakuläre zu bewundern. Beispielsweise sollen es 3,2 Millionen Menschen im Jahr 2011 gewesen sein, nicht mitgezählt wurden dabei all jene, die ohne Eintrittskarte nur außen herum gelaufen sind, so wie ich.

Es gibt zahlreiche Informationen im Web, die zu googeln so einfach sind, dass ich mich zur langwährenden und immer noch anhaltenden Baugeschichte neben den bereits verlinkten Wikipedia-Artikeln, in denen sich auch alte Aufnahmen aus der frühen Zeit des Baus finden lassen, auf ein gut portioniertes Zitat beschränke:

„Der erste Stein des zukünftigen Wunders wurde am 19. März 1882 gelegt. Der Buchhändler Josep Maria Bocabella und der Priester Manyanet hatten die Idee eine neue Kirche zu bauen, um dadurch den Kult der Heiligen Familie und die christlich-katholische Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Dafür kauften sie ganz billig ein Grundstück im Barcelonas Viertel Ensanche, das heute einer der zentralen Stadtteile ist, damals aber noch freies unbebautes Feld war. Der Bau wurde im neugotischen Stil angefangen. Doch als man den 31 Jahre jungen Antoni Gaudí zum leitenden Architekten der Sagrada Familia ernannte, wurden alle alten Pläne über Bord geworfen, und der junge Architekt, der bis dato noch keine grossen Bauwerke vorzuweisen hatte, begann seine architektonische Entdeckungsreise, die bis zu seinem Lebensende dauerte. Gaudí widmete der Sagrada Familia die restlichen 43 Jahre seines Lebens, die letzten 15 davon war er ausschliesslich und allein mit der Basilika beschäftigt.“ (Zitat: Natalia Muler für reiseziele.ch)

Als anvisiertes Jahr für eine Vollendung des Bauwerks gilt momentan 2026, das hundertste Todesjahr Gaudís. Die Finanzierung liegt nach wie vor nicht in Händen der katholischen Kirche, sondern wird noch immer ausschließlich über Spenden und Zuwendungen von Stiftungen sowie den Eintrittsgeldern aufgebracht.
Es wurde schon in der Vergangenheit immer wieder darüber diskutiert, ob die Sagrada Familia in vollem Umfang über das ursprünglich geplante Areal gebaut werden sollte oder abgeändert und beendet werden, ohne die momentan im Weg stehenden Wohnhäuser abzureissen.
Wenn man die anderen, bereits vollendeten Projekte der städtischen Baugeschichte von Barcelona in Betracht zieht, sind diese Häuser wahrscheinlich in einem Jahrzehnt ebenso Geschichte, wie die vielen anderen zuvor, Opfer für eine höhere Idee mit materieller Einträglichkeit gepaart – wie überaus passend!

Die Fotos in diesem Eintrag sind am Mittag des 10. April 2015 aufgenommen, nicht alle von derselben Seite, sondern im Rundherumgehen entstanden, allerdings nicht in diesem Sinne zusammengestellt, sondern nach dem, wie ich fand, dass es mit dem Text zusammenpasst.

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18 Gedanken zu “Verrückter oder Genie?

  1. Ob verrückt oder Genie ist mehr oder weniger auch Geschmackssache. Also, wie es halt gefällt. Zumindest scheint mir das Bauwerk verspielt. Aber davon abgesehen, erhalte ich bei dem Link > bitte hier entlang! eine Fehlermeldung. Keine Ahnung, Fehler: Umleitungsfehler

    Die aufgerufene Website leitet die Anfrage so um, dass sie nie beendet werden kann.

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    • Damit hast du recht. Ich mochte meine weihnachtlichen Lebkuchenhäuser nicht essen, und fühle meinen Sinn für Humor und Skurriles von diesem Bauwerk, trotz aller Anerkennung der steingewordenen Botschaft, auch mehr angeregt als meine ästhetische Zustimmung, aber ich halte Gaudí tatsächlich für außergewöhnlich phantasievoll und genial. Ich mags so verrückt.

      Aber bei mir funktionierts, und das Nächste und Nächste … Mal gucken, ob noch einer einen Versuch macht und etwas dazu sagt.

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      • Ja, ich kenn das. Zuweilen werd ich auch selbst phantasievoll. Obwohl ich sowas wie Genialität nicht beanspruchen möchte. Das weckt nur Neider. Aber womöglich ist die Fehlermeldung auf eigene fehlerhafte Einstellungen am hiesigen PC zurückzuführen. Also, nur kein Stress. ^^

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  2. Der Bau erschließt sich wohl jenem Betrachter am ehesten, der bereit ist, erstmal alles zu vergessen, was ihm gewohnt war. Dann sieht er das Anders-Mögliche und fährt in den Genuß von schwelgerischer Entdeckung und abhebender Augen- und Sinneslust. Intellektuell wird er sich sogar befreit fühlen. Das gilt natürlich auch für eine Sie!

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  3. Dieser Artikel von dir ist in jeder Hinsicht ein echtes Meisterwerk (in meinen Augen sogar – soweit man sowas vergleichen kann und darf – gelungener als das thematisierte Bauwerk)! Ganz große Klasse! 🙂
    Das einzige kleine Manko ist der auch bei mir nicht funktionierende Link am Ende …
    Weil ich deinen Beitrag mehrfach lesen und einiges dazu nachsehen musste (und wollte), schaffe ich allerdings heute nur diesen einen, der aber Lust auf Fortsetzung macht 😉
    Viele Grüße,
    Christoph

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  4. So gesehen, handelt es sich um eine anachronistische Kleinst-Familie in eheähnlichen Verhältnissen, mit unehelicher Geburt, unklarer Vaterschaft und einem Leben unterhalb des Existenz-Minimums (ohne TV und Handphone). Erlösung erhofft sie sich in sehr teuren und sehr überflüssigen Bauten, und ihre, der Architektur entsprechend abstrusen Vorstellungen von Zeugung und Geburt, dem Auftritt von Engeln und personifiziertem Bösen weisen auf die Zugehörigkeit zu einer Sekte. Somit ein Fall für’s Sozial-Amt. Da sind mir Gaudis profane Werke doch lieber.

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    • Bei einem Architekten mit der Vision von der baulichen Verwirklichung einer geistigen Vorstellung zu unterscheiden zwischen suchthafter Selbstaufgabe und Spiritualität, ist wahrscheinlich ebenso unmöglich wie bei einem einfacheren Menschen, der sich einer Sekte anschließt. Falls es überhaupt einen Unterschied gibt. Meiner Ansicht nach gibt es nur zwei Gründe für religiöse Zugehörigkeit: die der Verschmelzungssehnsucht oder das Streben nach Macht im Management.

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      • Ich kann nicht beurteilen, ob es einen wesentlichen stilistischen Unterschied zwischen der Kirche und seinen Wohnhäusern gibt. Falls nicht würde es sich nur um Manierismus handeln, d.h., ein Stil wird beliebig für alles angewandt, hätte also keinen wirklich spirituellen Hintergrund.

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  5. „The Gunman“ (2015) mit Sean Penn spielt u.a. in Barcelona. Dabei wird die Sagrada Familia kurz aus der Vogelperspektive gezeigt.
    Interessant wär auch, warum bekannte Architekten und Stadtplaner seit den 50ern einen Baustopp fordern.

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    • Weil es viele gibt, die das Gebäude potthässlich finden und andere, die nicht einsehen, warum ein solches Monsterprojekt womöglich noch weitere Häuser verschlingen soll, um nur zwei mir bekannte Gründe zu nennen. Wobei der aktuelle Stand der Dinge den ursprünglich wegen des Hauptportals geplanten Abriss nicht mehr unbedingt umfasst, nicht kurzfristig, zumindest. In Anbetracht der bisherigen Bauzeit lassen sich weitere 100 Jahre aber ganz gut aussitzen, bis der Beton-Wohnblock aus den 60ern, der momentan hauptsächlich im Weg steht, sich von allein erledigt hat.

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