„Umleitungen“ oder „Bilder, die ich nicht gemacht habe“

Fast jede Straße meiner Rückreise führte zu Baustellen mit Umleitungen. So bin ich oft anders als vorgehabt gefahren. Außerdem mischte sich am Nachmittag des 13. August auch noch Regen mit hinein, darum blieb mir die Strecke zwischen Rennsteig und Südharz wie ein dämmerig graugrüner Film in Erinnerung, voller gelber Schilder und mit sinnlosen Wendemanövern, als wäre es einer dieser inhaltlich undefinierbaren Träume gewesen.

Bildfolge 1 – Das langgestreckte, schattige Tal von Hohleborn, Häuser entlang der geschwungenen Straße hinter den Scheibenwischerspuren und Tropfen auf der Windschutzscheibe des Autos, nasse grüne Blätter und dunkle Stämme von Laubbäumen oberhalb des Flüsschens Schmalkalde, eine weitere Kurve, Bäume, Grün und den Bach nun links.
Dabei hätte ich mir so gern den Ort Hohleborn aus greifbarer Nähe angesehen, den Wohnort von Urur-[…ur-]großeltern, von denen die Männer unter ihnen Berufsbezeichnungen trugen wie z.B. „Kettenschmied“ oder „Hammerwerker“.

Bildfolge 2 – Wegweiser „Friedrichroda“ nasse Bäume, grauglänzende Straße mit weißen Streifen; im Regen hingeducktes Waldgasthaus St. Marien an der Thüringer Waldstraßenbahn, mit rotem Dach vor grünen Bäumen und roten und grünen nassen Sonnenschirmen auf der Terrasse; ein Teller mit ‚Bauernfrühstück‘, die Bratkartoffeln in das Rührei eingewickelt; ein alter schwarzer Bergmannshabit an der Wand, das Auto unter einer großen alten Eiche direkt am Gleis.
Auch um die Kleinstadt Friedrichroda im Landkreis Gotha war ich auf der Landstraße 1026 schneller herum-und daran vorbeigefahren, als gewünscht. Vielleicht war ich zu hungrig gewesen und konnte erst nach Rührei mit Bratkartoffeln wieder klarer denken – als es mir bewußt wurde, befand ich mich schon im Regen auf der Bundesstraße und entfernte mich, statt mir, wie eigentlich gewünscht, Friedrichroda anzusehen.
An Gotha und Erfurt vorbei nach Sömmerda und Tunzenhausen zu fahren, hatte ich vor lauter Regen und wegen des im Baustellenwirrwarr verloren gegangenen Richtungs- und Zeitgefühls vergessen: meine Erinnerung für Landschaft und Schönheit setzte für Stunden völlig aus, verstopft von gelben Umleitungspfeilen, von Vor-, Zurück- und Drumherumfahren.

Bildfolge 3 – Flacher werdenden Hügel, die offenere Landschaft der im Regen gar nicht so Goldenen Aue, ein Stausee im Regen, rötliche Bruchstein-Fundamente unter Fachwerkhäusern, die zu Orten gehören, die auf -a enden: Berka, Badra, Berga, Roßla; Baustellen mit Umleitungen in fast jedem dieser Orte; wie eine langgestreckte Gestalt liegt das Kyffhäusergebirge im Regen; das Fachwerk der Häuser in der Ortseinfahrt von Wickerode, regendunkles Dämmerlicht um das freundlich erleuchte kleine Hotel.
Auf welcher Zickzack-Strecke ich im strömendem Regen vom Rennsteig zu meinem Hotel in Wickerode, zwischen Südharz und Kyffhäuser, gefunden habe, kann ich nur mithilfe der Landkarte nachvollziehen und dabei bedauern, was ich unter solchen Umständen alles nicht wahrgenommen habe. Aber wir waren im Trockenen und Bongo freute sich darüber, für diesen Tag mit dem schaukelnden Autofahren fertig zu sein. Dafür mußten wir aber noch einmal in den Regen hinaus!

Bildfolge 4 – ein Selfie: Bongo und ich, die einen von Kirschbäumen gesäumten Feldweg hinauf gehen, mein grasgrünes Kleid unter tomatenrotem „Ostfriesennerz“, mit einem weißen Schirm darüber; klares Regenwasser in ausgespülte Rinnen im Weg, rote Erde und freigelegtes weißes Quarzgestein neben nassem, sattgrünem Gras; Bongos große Hundepfote drückt sich in den matschigen roten Ackerboden; hinter einem dichten hellgrauen Regenvorhang wieder der Kyffhäuser mit seinem Denkmal, gerade nur zu ahnen.
Das war auf seine Weise wieder so schön, dass ich gern weiter gegangen wäre, hätte ich nicht Mitleid mit dem wassertriefenden Hund gehabt, der dieses Mitleid aber bald darauf verwirkte:

Bildfolge 5 – Bongo, der Saubär, schüttelt seinen nassen Pelz im Hotelflur; siebdruckartige Effekte auf weissem Rauhputz; meine schmutzigen Füße in ebensolchen roten Badeflipflops mit Glitzersteinchen.
Die Spritzer habe ich weggewischt, Füße und Flipflops gewaschen. Zu einem Hotel, das einem sogar eine Hundedecke zur Verfügung stellt, muß man nett sein.

Bildfolge 6 – Dunkles Holz, Roséwein mit Lichtreflexen im Glas neben dem Grün von Salatblättern mit roten Tomatenstückchen auf weißem Teller … Uups, entschuldigt, Essen zu fotografieren und ins Netz stellen, nervt ja manche! Bitte vergesst das und das Bauernfrühstück.^^

Das wars also für den Abend des 13. August 2014 – die Nacht verbrachte ich übrigens nicht in Thüringen, sondern in Sachsen-Anhalt, denn die Ländergrenzen verlaufen entlang des Nordrandes vom Kyffhäuser, aber darauf komme ich in den kommenden Einträgen noch zurück, dies ist praktisch auch eine Art Umleitung.

(Artikelbild aus dem Web, mit Befunky bearbeitet)

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